Ein kleiner Schädling als Überträger gefährlicher Pflanzenkrankheiten wirbelt die Zuckerrüben- und die Kartoffelszene mächtig durcheinander: die Schilf-Glasflügelzikade. Sie bringt eine neue Herausforderung für die Züchtung: Leo von Kameke, geschäftsführender Gesellschafter der Solana-Gruppe, erläutert im Gespräch mit Dr. Anke Boenisch und Stephanie Makowski die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Züchterhäusern, um in Zukunft resistente Sorten zur Verfügung stellen zu können.
Die Mission der Solana-Gruppe ist, das Potenzial der Kartoffel besser nutzbar zu machen. Das Unternehmen vermarktet Pflanzgut von über 60 Sorten in mehr als 50 Ländern. „Das Thema Ernährungssicherheit ist generell in der Pflanzenzüchtung präsent: Besonders in der Kartoffelzüchtung, denn die Kartoffel ist ein extrem nahrhaftes Grundnahrungsmittel – mit weltweiter Bedeutung. Früher in Hungerzeiten war es das primäre Ziel, die Menschen sattzubekommen. Schon damals ging es auch darum, die Pflanzen widerstandsfähig zu machen gegen Krankheiten – es gab ja noch keine Pflanzenschutzmittel. Und jetzt schließt sich der Kreis, denn heute haben wir immer weniger Pflanzenschutzmittel zur Verfügung und die Pflanzengesundheit rückt wieder in den Vordergrund“, blickt von Kameke zurück.
Hier geht es zum Podcast praxiscast.agrar - das vollständige Gespräch mit Leo v. Kameke
Das Problem der Krankheit Stolbur bei Kartoffeln haben die Unternehmenslenker schon seit Jahrzehnten im Blick: „Das Schadensbild ist seit Jahrzehnten bekannt – wir kennen es z. B. aus Rumänien oder generell südlicheren Ländern. Aber in Deutschland ist es im Kartoffelbau erst in der Saison 2022 in den südlichen Bundesländern präsent geworden. Unterstützt vom Klima bewegt es sich langsam gen Norden.“
Schon jetzt massive Änderungen in den Anbauregionen
Noch wurden die beiden von der Zikade übertragenen Erreger (Candidatus Phytoplasma solani und C. Arsenophonus phytopathogenicus.) im Norden nicht beobachtet, obwohl die Zikade auch hier beheimatet ist. Die schwer unterscheidbaren Krankheitsbilder werden als Bakterielle Kartoffelwelke bezeichnet. Oberirdische Symptome wie eingerollte oder vergilbte Blätter und gestauchte Pflanzen treten spät auf und sind unspezifisch. „Was aber ein ganz typisches Zeichen ist, sind die Luftknöllchen an den Blattachseln. Aber wenn die Symptome auftraten, ist es für die Knolle meistens schon gelaufen“, erläutert von Kameke. Es bilden sich Gummiknollen mit verfärbtem Fruchtfleisch, die weder aussortiert noch verarbeitet werden können. Im Extremfall bleibt für die gesamte Ernte nur die Biogasanlage.
Die Folgen sind schon nach so wenigen Jahren gravierend, wie von Kameke erläutert: „So ist die Kartoffel-Vermehrungsfläche in Hessen von 325 ha 2020 auf 60 ha in 2025 zurückgegangen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Betriebe, sondern auch auf uns als Züchter, die wir auf die Vermehrungsflächen angewiesen sind. In diesen Regionen ist das Risiko für Vermehrungen viel zu groß.“
Es wird mit Hochdruck geforscht
Not verbindet und Not macht erfinderisch: Das gilt auch in dieser Situation, weshalb es seit letztem Jahr ein bundesweites Monitoring gibt (Monitoring Schilf-Glasflügelzikade | ISIP), das eindrucksvoll zeigt, dass es die Zikade überall gibt, sie aber nicht überall mit einem oder beiden Erregern „aufgeladen“ sein muss.
Das vollständige Wissen um die Wirkungsweise der Bakterien in der Pflanze bildet die Voraussetzung dafür, dass Forschende die Hebel erkennen können, mit denen man aus züchterischer oder aber aus pflanzenzuchttechnischer Sicht ansetzen könnte. „Hier ist schon viel erforscht, aber es ist noch Luft nach oben, weil wir noch ziemlich am Anfang stehen“, schätzt der Kartoffelexperte die Situation ein. „Das erste große Forschungsprojekt zwischen UNIKA und JKI startete erst 2023. Seitdem gibt es viele Projekte in Praxis und Forschung zu dem Thema und laufend neue Erkenntnisse. Viele neue Erkenntnisse ziehen gleich wieder neue Fragen nach sich, was zeigt, wie komplex die Situation ist.“
Fast jedes Züchterhaus hat seine eigenen Projekte, aber die „Marktbegleiter“ arbeiten auch intensiv zusammen. Die Unternehmen und Verbände konnten nach Schilderungen des Kartoffelspezialisten auch relativ schnell die Politik sensibilisieren, sodass „das Thema auch an oberster Stelle im BMLEH angekommen ist.“ Und es seien auch erhebliche Gelder freigesetzt worden, die Forschung zu unterstützen, wie Projekte zur Erforschung des Vektors und der Übertragungswege wie auch zur Suche nach wirksamen Resistenzdonoren.
Der Zikade das Leben so schwer wie möglich machen
Weite Fruchtfolgen sind im Kartoffelbau üblich, in der Pflanzgutvermehrung mindestens sechs bis sieben Jahre. „Es wird intensiv dazu geforscht, welche Kulturen noch betroffen sind. Es kommen hier regelmäßig vor allem aus dem Gemüsebereich weitere Kulturen hinzu. Es wird aber auch intensiv an der Frage geforscht, welche Pflanzen die Zikaden vermeiden. Schwierig ist der Umstand, dass die Zikaden ihre Eier im Boden ablegen und sich die Nymphen im Boden über mehrere Meter bewegen können. Auch das Thema Frost gegen die Nymphen ist immer weniger effektiv, mangels kalter Winter. Die ackerbauliche Stellschraube, die man hat, ist nach der Kartoffel keine Kulturart anzubauen, die von den Nymphen als Nahrung genutzt werden kann. Das läuft aber auf eine Schwarzbrache hinaus – was natürlich aus anderen Gründen nicht gewollt ist und vielen Programmen entgegenläuft. Zudem verhindert eine Schwarzbrache den Anbau einer etablierten Folgefrucht wie z. B. Weizen“, erläutert von Kameke.
Der Entwicklungszyklus des Vektors ließe sich so stören, für die meisten Betriebe sei dies jedoch wirtschaftlich kaum darstellbar.
Dreiklang zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft und Politik
Die Tatsache, dass man nur einmal im Jahr Versuche im Feld anlegen und auswerten kann, macht die Zeit zu einem extrem knappen Faktor. Und hätte man in vielleicht drei Jahren die Mechanismen erforscht, an denen die Züchtung ansetzen könnte, würden dann noch einmal viele Jahre benötigt, leistungsfähige Sorten zu entwickeln. „Wir haben alle in den letzten Jahren Sortenversuche gemacht, um Erkenntnisse zu der Toleranz aktueller Sorten zu bekommen und Unterschiede zu erkennen. Leider war in dieser Zeit die Witterung aber so unterschiedlich, dass man extreme Jahreseffekte beobachtet hat.“
Hier sei der Dreiklang zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft und Politik gefordert. Der Austausch laufe laut von Kameke hier aber schon sehr gut. Ein messbares Ergebnis dieser Zusammenarbeit seien die teilweise europäischen Projekte, die in kürzester Zeit entstanden sind. Als Beispiel nennt von Kameke hier das Projekt POMORROW, bei dem sich deutsche Kartoffelzüchter mit dem JKI und der Genbank des IPK in Groß Lüsewitz zusammengetan haben, um Herkünfte aus der Genbank hinsichtlich Stolbur und anderer Resistenzen zu analysieren.
Fazit
Es wird deutschlandweit und international auf allen Ebenen mit Hochdruck an einer Lösung des Problems gearbeitet. Die Tatsache, dass alle Züchter gemeinsam an der Entwicklung von Sortenresistenzen arbeiten, lässt hoffen, dass es in Zukunft resistente oder zumindest tolerante Sorten geben wird.
Notfallzulassung als Ad-hoc-MaßnahmeEinige Pflanzenschutzmittel haben zeitlich begrenzte Notfallzulassungen unter strengen Auflagen erhalten. Laut LfL Bayern wurden die Anbaugebiete bundesweit in drei Regionen unterteilt, damit die begrenzten Mittel dort eingesetzt werden, wo die größten Schäden drohen. In Hotspot- und Übergangsregionen ist dafür ein amtlicher Warndienstaufruf erforderlich. Details dazu finden sich auf den Internetseiten der Länderdienststellen. |
Schnell gelesen (Kurzfassung):
Die Schilf-Glasflügelzikade stellt die Zuckerrüben- und Kartoffelindustrie vor Herausforderungen, indem sie gefährliche Pflanzenkrankheiten überträgt. Besonders Stolbur, eine Krankheit, die in südlichen Ländern bekannt ist, breitet sich klimabedingt nach Norden aus. Leo von Kameke berichtet in dem Gespräch über die Aktivitäten der Solana-Gruppe bei der Entwicklung resistenter Sorten. Das Unternehmen arbeitet mit Forschungseinrichtungen, der Politik aber auch mit Marktbegleitern gemeinsam an Lösungen. Ein Beispiel ist das Projekt POMORROW, das auf internationale Zusammenarbeit setzt, um Resistenzen zu identifizieren und zu fördern.
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