Die fortschreitende Digitalisierung wird uns nur dann effektiv weiterhelfen, wenn die verschiedenen Systeme nahtlos und ohne Sonderanpassungen zusammenwirken, Daten austauschen und gemeinsame Funktionen nutzen (= Interoperabilität). Wie vernetzte Datenflüsse Bürokratie reduzieren und die Grundlage für neue KI-Anwendungen schaffen können, erläutert Dr. Johannes Sonnen, Managing Director/CEO DKE-Data GmbH & Co. KG.
Die Digitalisierung der Landwirtschaft schreitet voran. Moderne Landmaschinen erfassen zahlreiche Daten, Farm-Management-Systeme unterstützen bei Planung und Dokumentation, Sensoren und Satelliten liefern Informationen über Pflanzenbestände und Böden. Hinzu kommen Robotik und KI-basierte Anwendungen. Das Problem der nächsten Jahre wird deshalb nicht sein, zu wenige Daten zu haben.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie bekommen wir die vorhandenen Daten so zusammen, dass sie für den landwirtschaftlichen Betrieb tatsächlich einen Mehrwert schaffen?
Noch immer arbeiten viele digitale Systeme nebeneinander statt miteinander. Unterschiedliche Datenformate, proprietäre Schnittstellen und die mehrfache Pflege identischer Informationen führen zu Medienbrüchen und zusätzlichem Aufwand. Interoperabilität wird damit zur zentralen Voraussetzung für die weitere Digitalisierung.
Daten müssen zwischen Systemen fließen können
Maschinen, Robotersysteme, Farm-Management-Systeme und digitale Dienste unterschiedlicher Hersteller müssen miteinander kommunizieren können. Die Betriebsleitung als zentrale Kontrollinstanz sollte entscheiden, welche Systeme eingesetzt werden und mit wem Daten geteilt werden sollen.
Hier setzt der agrirouter an. Als herstellerübergreifende Datenaustauschplattform verbindet er Maschinen, Softwarelösungen und Plattformen. Er ersetzt diese Systeme nicht und speichert keine Daten, sondern ermöglicht der Betriebsleitung den kontrollierten Datenaustausch zwischen den angeschlossenen Systemen.
Mehr als Datentransport ist notwendig
Doch Datentransport allein reicht nicht. Die Systeme müssen die Daten auch verstehen und nutzen können. Mit ISO 11783-10 (ISOXML), ISO 5231 oder Shape existieren etablierte Datenformate und Standards, die der agrirouter nahezu ausschließlich nutzt. Dennoch garantiert ein Standard allein keine vollständige Interoperabilität: Daten werden nicht immer einheitlich erzeugt, gelesen oder interpretiert. Deshalb sind zusätzliche Konvertierungen und Harmonisierungen notwendig, die der agrirouter zunehmend im Hintergrund übernimmt.
Stammdaten nur einmal pflegen
Informationen über Betriebe, Mitarbeitende, Maschinen, Produkte oder Flächen werden heute häufig in mehreren Systemen parallel gepflegt und müssen bei Änderungen mehrfach aktualisiert werden.
Das Ziel ist ein konsequenter „Once-Only“-Ansatz: Daten werden einmal erfasst und anschließend – unter Kontrolle und nach Freigabe durch den Anwender – mit berechtigten Systemen synchronisiert. DKE-Data entwickelt hierfür die MASTER-Data-Synchronisierung im agrirouter weiter. Perspektivisch könnten neben Farm-Management-Systemen auch Verwaltungs-, Antrags- und Meldeportale eingebunden werden. Damit eröffnet Interoperabilität erhebliche Möglichkeiten für den Bürokratieabbau.
Mehrfachdokumentationen vermeiden
Ein TRAKTOR mit Anbaugerät oder eine autonome Maschine „weiß“ heute vielfach bereits, wann, wo und wie eine Arbeit durchgeführt wurde. Bei allen Maßnahmen entstehen wertvolle Dokumentationsdaten. Warum sollte man diese anschließend noch einmal manuell erfassen müssen? Über den agrirouter können die originären Daten automatisch an das ausgewählte Farm-Management-System übertragen werden. Dort werden sie flächenbezogen fachlich aufbereitet und können nach Freigabe für Dokumentations- und Nachweispflichten oder zur Weitergabe an Meldeportale genutzt werden. Wenn eine Grenzlinie in einem an den agrirouter angeschlossenen System verändert wird (z. B. durch eine Teilung des Feldes), übermittelt der agrirouter die Veränderung an alle in dem Account des Nutzers involvierten Agrar-Software-Lösungen. Damit bleiben die Daten synchron und müssen auch nicht mehrfach an verschiedenen Stellen eingegeben werden.
Digitale Dienste könnten zusätzlich bei Planung und Durchführung unterstützen und beispielsweise prüfen, ob eine geplante Düngemenge zulässig ist oder Förderauflagen eingehalten werden. Digitalisierung würde damit nicht nur die Dokumentation vereinfachen, sondern auch eine regelkonforme Durchführung unterstützen.
Besonders wertvoll: das digitale Gedächtnis des Feldes
Der langfristige Wert landwirtschaftlicher Daten könnte noch deutlich größer sein. Denkbar wäre eine Art zentrales „Field Memory“ – ein digitales Gedächtnis des Feldes. Dort könnten über mehrere Jahre Informationen strukturiert und unter Kontrolle des Betriebs verfügbar bleiben: Was wurde angebaut? Welche Sorte wurde ausgesät? Wann wurde gedüngt und Pflanzenschutz durchgeführt? Wie waren Witterungs- und Bodenbedingungen? Wann wurde geerntet und welcher Ertrag erzielt? Hierbei ist noch zu erwähnen, dass noch nicht klar ist, wann dieses Field Memory kommt und wer es am Markt anbietet.
Ein solches Field Memory könnte ein weiterer Baustein einer interoperablen Dateninfrastruktur sein. Dabei ist wichtig zu betonen, dass die alleinige Kontrolle darüber, welche Anwendungen auf welche seiner Daten zugreifen dürfen, beim Betrieb bleibt!
Gerade für KI-Anwendungen und Unternehmen aus Pflanzenzüchtung und Saatgut können solche mehrjährigen Datenhistorien eine wertvolle Grundlage bilden. Nach Freigabe durch die Betriebsleitung (!) könnten autorisierte Dienste Daten zu Sortenwahl, Standort, Bewirtschaftung, Witterungs- und Bodenbedingungen sowie Ertrag und bei der Ernte erfassten Inhaltsstoffe zusammenführen. So ließe sich die Performance unterschiedlicher Sorten unter den konkreten Bedingungen einzelner Felder analysieren und als Grundlage für zunehmend präzise Anbauempfehlungen nutzen. Die Frage lautet dann nicht mehr nur, welche Sorte allgemein gute Ergebnisse erzielt, sondern welche Sorte unter den individuellen Bedingungen eines konkreten Feldes besonders gut geeignet ist. Mit zunehmendem Einsatz von NIRS-Technologien bei der Ernte können zukünftig auch die Inhaltsstoffe wie der Proteingehalt als Entscheidungsgrundlage dienen.
Interoperabilität wird zur Grundlage für KI
KI-basierte Dienste benötigen Daten aus unterschiedlichen Quellen. Erst wenn Maschinen-, Wetter-, Boden-, Bewirtschaftungs- und Ertragsdaten zusammengeführt und fachlich eingeordnet werden, entsteht eine belastbare Grundlage für neue Anwendungen.
Der agrirouter entwickelt sich deshalb von einer Datenaustauschplattform zunehmend zu einem Baustein für die Orchestrierung landwirtschaftlicher Datenflüsse. Einheitliche Schnittstellen, standardisierte Datenformate, notwendige Konvertierungen und MASTER-Data-Synchronisierung schaffen die Grundlage für eine systemübergreifende Datennutzung. Wie diese aussieht, also wohin betriebliche Daten fließen und für welchen Zweck sie verwendet werden, entscheidet der Betrieb alleine. Zukünftig wird der Betrieb hierzu noch Filterfunktionen bekommen, mit denen er die Datenflüsse granular steuern kann. Denn eine Behörde benötigt keine Dieselverbrauchsmengen.
Fazit
Die Landwirtschaft braucht nicht immer neue Plattformen und Datensilos, sondern eine Infrastruktur, die bestehende Systeme verbindet. Wenn Maschinen, Softwarelösungen, öffentliche Datenquellen, Verwaltungsportale und KI-basierte Dienste interoperabel zusammenarbeiten, können Daten mehrfach Nutzen stiften: für effizientere Prozesse, weniger Bürokratie und bessere, zunehmend standortspezifische Entscheidungen.
Der Engpass der nächsten Dekade ist nicht mehr die Digitalisierung einzelner Maschinen oder Softwarelösungen. Der Engpass ist ihre sichere, standardisierte und herstellerübergreifende Vernetzung. Genau hier entscheidet sich der tatsächliche Mehrwert der Digitalisierung für die landwirtschaftliche Praxis.
Schnell gelesen (Kurzfassung):
Der Artikel betont die Bedeutung der Interoperabilität in der Landwirtschaft, um die Digitalisierung und Bürokratieabbau voranzutreiben. Moderne Maschinen und Systeme erzeugen viele Daten, doch die Herausforderung besteht darin, diese effektiv zu integrieren. Der agrirouter dient als herstellerübergreifende Plattform, um den Datenaustausch zu erleichtern. Standards wie ISOXML sind wichtig, jedoch nicht ausreichend. Eine zentrale Datenpflege und das Vermeiden von Mehrfachdokumentationen sind entscheidend. Ein "Field Memory" könnte langfristige Daten speichern und für KI-Anwendungen nutzbar machen. Die Vernetzung bestehender Systeme ist der Schlüssel zur Effizienzsteigerung und Bürokratieabbau.
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