Durch den fortschreitenden Klimawandel wird der Anbau von Sommergetreide in Herbstaussaat sinnvoller und weniger risikoreich. Nach Sommerweizen und Sommergerste steht nun auch Sommerhafer im Fokus der Anbauer. Die Anforderungen an die Sortenwahl sind dabei jedoch höher und z. T. anders als bei normaler Frühjahrsaussaat. Dr. Steffen Beuch, Nordsaat Saatzucht, kann auf fundierte Versuchsergebnisse zurückgreifen.
Der Sortentyp des „Wechselweizens“ sorgte vor rund zwei Jahrzehnten für neue Ansätze bei der Spätsaat des Winterweizens im Herbst.
Immer mehr Sommergetreide in Herbstaussaat
Auch Sommergerste in Herbstaussaat auszusäen, ist mittlerweile in vielen Regionen nicht mehr unüblich. Hierbei sollen durch die Auswahl qualitativ hochwertiger Braugerstensorten aus der Sommergerstenzüchtung ökonomische Vorteile erreicht werden. Die Preise für bestimmte Braugerstensorten liegen bei Sommergerste in der Regel über den Preisen, die für Winterbraugerstensorten gezahlt werden. Bei gleichem Kornertrag kann folglich ein wirtschaftlicher Mehrwert erzielt werden, wenn Sommerbraugerste in die Herbstaussaat gestellt wird. Gemäß aktuellen Angaben der Braugerstengemeinschaft wurde 2025 in Deutschland auf ca. 390.000 ha Braugerste erzeugt. Davon entfielen etwa 34.000 ha auf den Anbau von Sommergerste in Herbstaussaat, während „echte“ Winterbraugerste auf einer etwas geringeren Fläche von rund 30.000 ha kultiviert worden ist.
Europaweite Erfahrung mit Sommerhafer in Herbstaussaat
Rund um das Mittelmeer: In anderen europäischen Regionen ist die Aussaat von Sommerhafer im Herbst bereits heute kein unübliches Verfahren. Rund um das Mittelmeer (Spanien, Italien, Nordafrika) ist diese Art des Haferanbaus sogar die einzige Möglichkeit, zufriedenstellende Erträge und Qualitäten zu erzielen. Jährlich früh einsetzende Trockenheit und Hitze und knappe Niederschläge erfordern eine angepasste Phänologie des Hafers, die im praktischen Anbau vor allem durch die Nutzung der braun bespelzten Haferart Avena byzantina (Mittelmeerhafer, roter Hafer) erreicht wird. Im Vergleich zu unserem Kulturhafer Avena sativa ist Avena byzantina durch deutlich schwächere Erträge bei früherer Jugendentwicklung und Reife gekennzeichnet.
Irland: Eine etwas andere Situation liegt in Irland vor. Die Wasser- und Temperaturverhältnisse sind für den Haferanbau dort zumeist nahe am Optimum, sodass in Irland regelmäßig die weltweit höchsten Hafererträge erzielt werden. In Abhängigkeit von den jeweiligen Aussaatverhältnissen wird Hafer dort sowohl in die Herbst- als auch in die Frühjahrsaussaat gestellt. Die irische Landwirtschaftsbehörde Teagasc gibt an, dass in Irland jährlich etwa 10.000 ha Hafer im Herbst und etwa 14.000 ha im Frühjahr ausgesät werden. Auch wenn die Aussaatverhältnisse es zulassen würden, findet in Irland aufgrund der limitierten Wachstumsbedingungen im Normalfall keine Aussaat von Getreide zwischen Mitte November und Mitte-Ende Januar statt. Die gesamte irische Haferfläche wird ausschließlich mit Sommerhafersorten bestellt, unabhängig davon, ob der Aussaattermin im Herbst oder im Frühjahr liegt. Auf zwei Dritteln der Anbaufläche steht in Irland dabei seit vielen Jahren die frühreife, sehr robuste und ertragstreue Sommerhafersorte Husky.
Sommerhafer hat die schnellere Jugendentwicklung
Natürlich entscheiden vor allem das Überwinterungsvermögen und die Kompensationsfähigkeit einer Sommergetreidesorte über ihr Potenzial für die Herbstaussaat. Im Vergleich mit echtem Winterhafer fällt bei Herbstaussaat zunächst die schnellere Jugendentwicklung von Sommerhafer auf (s. untenstehendes Bild). Auch die Wüchsigkeit und die Blattmasse sind bei Sommerhafer zumeist deutlich höher als bei Winterhafer. Das birgt die Gefahr, dass ohne eine Schneeauflage Kahlfröste bei Sommerhafer eher als bei Winterhafer zu Schäden führen. Allerdings ist Sommerhafer bis zu einem gewissen Grad kältetolerant (toleranter als z. B. Sommergerste). Darüber hinaus hat echter Winterhafer unter allen heimischen Wintergetreidearten die geringste Frosthärte. Dies führt dazu, dass speziell gezüchteter Winterhafer in Europa aufgrund des Auswinterungsrisikos bisher nur in Großbritannien und Frankreich in größerem Umfang Anbauwürdigkeit erreicht hat.
CROPDIVA: Internationaler Saatzeiten-Versuch
Im europäischen Verbundprojekt CROPDIVA (www.cropdiva.eu) wurde 2022 und 2023 die Eignung eines großen Sortimentes verschiedener aktueller und älterer Sommerhafersorten für die Herbstaussaat in Feldversuchen untersucht. Die Versuchsstandorte lagen in typischen Winterhafergebieten (Wales-ABU) und Übergangslagen für dessen Anbau (Schweiz-WBF, Österreich-BOKU, Mitteldeutschland-DH, Nordostdeutschland-NORD). Differenzierende Auswinterung trat in einem Drittel aller Versuche (nur in Österreich und Nordostdeutschland) auf. Einmal winterte ein Versuch komplett aus (Nordostdeutschland).
Interessanterweise kompensierten viele Sommerhaferpflanzen die Frostschäden durch eine gute Bestockung. Am Ende stand ein Mehrertrag von 25 % für Sommerhafer in Herbstaussaat gegenüber Frühjahrsaussaat über alle Sorten und Standorte hinweg. Herbstaussaat führte bei Sommerhafer zu früherem Rispenschieben (13 Tage), einer um 5–20 Tage früheren Reife, einem etwas geringeren Mehltaubefall, 15 cm längeren Pflanzen und zu einer höheren Lagerneigung. Zusätzlich zu den höheren Erträgen war die äußere Kornqualität bei den im Herbst gesäten Hafersorten in der Regel besser als bei den im Frühjahr gesäten Sorten. Das Hektolitergewicht stieg um 13 %, der Kernanteil um 9 % und die Schälbarkeit um 1 % (s. Tab. 1 und 2).
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Sorte: Karl (links im Bild) |
Sorte: Delfin (rechts im Bild) |
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Ertrag: 74,4 dt/ha |
Ertrag: 90,8 dt/ha |
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Auswinterungsstand nach Winter: 4,9 |
Auswinterungsstandnach Winter: 3,4 |
Sortenunterschiede beachten
Die Forscher des CROPDIVA-Konsortiums empfehlen, die Bestandesführung von Sommerhafer bei Herbstaussaat auf das erhöhte Lagerrisiko und einen möglichen Fusariumbefall (Vorfrucht Mais ohne Pflug) auszurichten. Lageranfällige, sehr niedrigwüchsige Sommerhafersorten (negative Wechselwirkung mit der Fusariumtoleranz, s. dazu auch www.praxisnah.de/202015 und www.praxisnah.de/202346) sind folglich für die Herbstaussaat ungeeignet. Besonders geeignet für eine Herbstaussaat sind die Sorten SCOTTY und Delfin, aber auch WARAN und LION lieferten in verschiedenen Versuchen sehr passable Leistungen.
Fazit
Diese Ergebnisse sind sehr motivierend, sich weiter mit dem Thema Sommerhafer in Herbstaussaat zu beschäftigen. Die vorhandenen Sortenunterschiede in der Eignung für die Herbstaussaat sollten dringend genutzt werden (Bild 3).
Schnell gelesen (Kurzfassung):
In Europa, insbesondere rund um das Mittelmeer, ist die Herbstaussaat von Sommerhafer bereits üblich. Dort sorgt der als Avena byzantina bekannte Mittelmeerhafer für besser angepasste Erträge, auch wenn er geringere Erträge als der gängige Kulturhafer Avena sativa aufweist. In Irland hingegen sind die Wetterbedingungen für den Haferanbau ideal, was zu den höchsten Erträgen der Welt führt. Irische Landwirte säen durchschnittlich 10.000 ha Hafer im Herbst und 14.000 ha im Frühjahr, ausschließlich mit Sommerhafersorten.
Eine internationale Studie namens CROPDIVA hat gezeigt, dass Sommerhafer bei Herbstaussaat im Durchschnitt 25 % höhere Erträge als Frühjahrsaussaat bringt und auch die Kornqualität ist besser. Die Forschenden empfehlen, auf Sorten mit geringem Lager- und Fusariumbefall zu achten, wobei geeignete Sorten Scotty, Delfin, Waran und Lion sind. Diese Ergebnisse motivieren zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema Sommerhafer in Herbstaussaat und zur optimalen Nutzung der Sortenunterschiede.
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