Steigende Betriebsmittelkosten bei gesunkenen Erlösen, strengere Anbauauflagen und der Klimawandel setzen Rübenanbauer unter Druck. Lange galt der Zwischenfruchtanbau als Selbstverständlichkeit. Doch angesichts schmaler Margen stellt sich die Frage: Rechnet sich der Aufwand von rund 200 Euro pro Hektar heute noch?
Der Blick auf die Felder im Herbst hat sich gewandelt. Wo früher nach der Getreideernte oft nackte Stoppeln dominierten, blühen heute Phacelia, Gelbsenf oder komplexe Mischungen. Für die Zuckerrübe, die „Königin der Feldfrüchte“, gilt der Zwischenfruchtanbau traditionell als der rote Teppich, der ihr ausgerollt wird. Doch die ökonomische Kalkulation ist komplexer geworden.
Kostenstruktur und Investitionsrahmen
Um den Nutzen des Zwischenfruchtanbaus objektiv bewerten zu können, ist zunächst eine detaillierte Betrachtung der anfallenden Kosten notwendig. Diese variieren je nach Intensität und Zielsetzung des Anbaus, bewegen sich jedoch in einem fest definierbaren Rahmen:
- Saatgutbezug: Hochwertige Zwischenfrüchte, die auf spezielle Anforderungen der Zuckerrübe zugeschnitten sind, liegen preislich zwischen 40 und 90 €/ha, wobei Sorteneigenschaften (Bodendeckung, Durchwurzelung, Nematodenresistenz …) und Saatgutqualität (Reinheit, Keimfähigkeit …) der Komponenten den Unterschied machen.
- Verfahrenskosten: Für die Stoppelbearbeitung und die anschließende Aussaat müssen -abhängig vom Aussaatverfahren- etwa 80 bis 120 €/ha kalkuliert werden (inklusive Lohnanspruch und Diesel).
- Managementaufwand: Der zeitliche Aufwand für die Planung und Ausbringung fällt meist in die arbeitsintensive Phase nach der Getreideernte.
Insgesamt entstehen so Kosten von 180 bis 250 Euro pro Hektar. Um diese Summe allein durch den Mehrertrag der Zuckerrübe zu decken, müsste die Rübe – bei einem fiktiven Auszahlungspreis von 45 €/t – mindestens 4 bis 5 Tonnen Mehrertrag pro Hektar liefern. Die Zeiten, in denen man mit Zwischenfruchtanbau einen sicheren Mehrertrag bei Zuckerrüben nachweisen konnte, stammen aus den Zeiten, in denen eine Zwischenfrucht noch bedarfsgerecht gedüngt werden durfte. Ob die Rechnung aktuell aufgeht, hängt maßgeblich davon ab, wie effizient die Zwischenfrucht standortspezifische Nachteile wie Nematodenbelastung, Nährstoffauswaschung oder Bodenverdichtung kompensiert.
Ökologischer Zinseszinseffekt
Die Antwort erfahrener Praktiker ist ein klares „Ja“, allerdings mit dem Hinweis, man nicht nur in einem Jahr denken darf. Der Nutzen der Zwischenfrucht ist kein Einmaleffekt, sondern ein langfristiges Investment in das „Kapital Boden“.
Im Rahmen strenger düngerechtlicher Vorgaben und des Grundwasserschutzes dient die Zwischenfrucht als effektiver Nährstoffspeicher, der nicht nur mineralischen Reststickstoff nach der Ernte vor Auswaschung schützt, sondern durch geeignete Kombinationen mit Leguminosen zusätzlich Stickstoff und andere Nährstoffe generieren kann. Gut entwickelte Bestände binden zwischen 30 und 90 kg N/ha, was bei aktuellen Düngerpreisen einer Ersparnis von ca. 40 bis 110 €/ha entspricht und den Stickstoff bedarfsgerecht für die Zuckerrübe konserviert. Gleichzeitig stabilisiert die organische Substanz langfristig den Humusgehalt sowie die Wasserhaltefähigkeit des Bodens.
Wasserhaushalt und Erosionsschutz
Die Rentabilität des Zwischenfruchtanbaus hängt vom Wassermanagement ab. Da der Anbau von Zwischenfrüchten im Herbst Feuchtigkeit benötigt, sind in trockenen Regionen verdunstungsarme Aussaatverfahren und effiziente Artenwahl entscheidend. Während sich bei abfrierenden Beständen der Bodenwasserspeicher bis zur Rüben-Aussaat wieder gefüllt wird, erfordern winterharte Arten in trockenen Frühjahren ein rechtzeitiges Abtöten, um die Restfeuchte für die Rübenkeimung zu sichern.
Der Erosionsschutz (Schutz vor Wind- und Wassererosion, Verdunstungsschutz durch Beschattung) der Zwischenfrüchte ist nicht nur im wachsenden Zustand der Zwischenfrüchte gegeben, sondern wirkt sich auch im abgestorbenen Zustand auf den gleichmäßigen und geschützten Auflauf von Mulchsaatrüben aus und ist daher ein wichtiger ökologischer und ökonomischer Vorteil.
Nematoden- und Krankheitsmanagement
Die biologische Bekämpfung von Rübenzystennematoden erfolgt hocheffektiv über resistente Zwischenfrüchte wie Ölrettich oder Weißen Senf. In Deutschland geprüfte und zugelassene Sorten garantieren hierbei eine zuverlässige Reduktionsleistung. Da selbst tolerante Zuckerrüben bei geringem Befallsdruck deutlich höhere Erträge erzielen, ist eine konsequente Populationskontrolle wirtschaftlich entscheidend. Bei zusätzlicher Belastung mit Rübenkopfälchen (Ditylenchus dipsaci) ist ausschließlich Ölrettich die geeignete Zwischenfrucht vor Zuckerrüben. Auch in Zikadengebieten sind Ölrettich und Weißer Senf keine Wirtspflanzen für SBR und Stolbur. Für viele andere Arten, die als Komponenten in Zwischenfruchtmischungen eingesetzt werden, gibt es keine detaillierten Ergebnisse zu ihrem Verhalten gegenüber Krankheiten und Schädlingen, was ihren Nutzen als Zwischenfrucht in diesen Gebieten zusätzlich infrage stellt.
Herausforderungen
Rentabilität ist kein Selbstläufer. Ein falsch geführtes Zwischenfrucht-Management kann das Gegenteil bewirken: Eine erfolgreiche Zwischenfruchtabdeckung erfordert ausreichende Bodenfeuchtigkeit bei der Aussaat. Mangelt es trotz angepasster Sätechnik an Wasser, bleiben Bodenbedeckung und Durchwurzelungstiefe unzureichend. Da dieser Faktor regional und saisonal stark schwankt, sind eine engmaschige Standortbeobachtung sowie eine flexible, an die Witterung angepasste Bewirtschaftung zwingend erforderlich.
- Trockenheit zur Aussaat: Eine sichere Etablierung der Zwischenfrucht benötigt auch Feuchtigkeit. Sind trotz geeigneter Sätechnik nicht genügend Wasser vorhanden, kann sich die Zwischenfrucht nicht bodendeckend und wurzeltief entwickeln. Dies ist regional und jahresabhängig – muss entwickelt und ausgearbeitet werden und flexibel gehalten und gut beobachtet und angepasst werden.
- Durchwuchs: Wenn die Zwischenfrucht im Winter nicht sicher abfriert (begünstigt durch milde Winter), entstehen im Frühjahr hohe Kosten für die chemische oder mechanische Beseitigung. Auf diesen Standorten empfiehlt sich sicher abfrierender nematodenresistenter Gelbsenf oder Neutralpflanzen wie Phacelia oder Rauhafer. Bei Ölrettich gibt es Sorten, die leichter abfrieren.
- Schädlingsdruck: Grüne Brücken können Blattläuse oder Schnecken fördern, wenn die Bestände nicht rechtzeitig und sauber umgebrochen werden.
Fazit
Die rein betriebswirtschaftliche Betrachtung auf Einjahresbasis ist riskant. Zwar sind die direkten Kosten für Saatgut und Diesel sofort spürbar, doch die indirekten Gewinne – Bodenstruktur, Nährstoffeffizienz und Ertragssicherheit – überwiegen in der Gesamtbilanz deutlich.
Nicht nur im Hinblick auf die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) und die Förderung von Öko-Regelungen (Eco-Schemes) wird der Zwischenfruchtanbau zusätzlich finanziell attraktiv gemacht. Wer die Zwischenfrucht als integralen Bestandteil der Fruchtfolge und nicht als lästiges Anhängsel betrachtet, fährt auch bei niedrigeren Zuckerpreisen rentabler. Die Zwischenfrucht ist nicht der Kostenfresser der Rübe, sondern ihre Lebensversicherung für risikoreiche Anbaujahre.
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