Mutterkorn im Roggen lässt sich weder chemisch bekämpfen noch vollständig ausrotten – umso wichtiger sind anbautechnische Maßnahmen, die für eine sichere Bestäubung sorgen und das Infektionsrisiko während der Blüte minimieren. Ein Beitrag von Prof. Dr. Ute Kropf, FH Kiel.
Der Mutterkornpilz ist als Mykotoxinbildner vor allem im Roggen von Bedeutung. Als Fremdbestäuber blüht dieser offen ab und ist in dieser Zeit besonders empfänglich für Infektionen durch die Sporen von Claviceps purpurea. Weil die erlaubten Höchstmengen von Ergotalkaloiden in Roggen- und Getreidemahlerzeugnissen abgesenkt wurden, rückt die Frage nach der Vermeidung des Befalls im Bestand erneut in den Fokus. Mit Fungiziden lässt sich der Erreger nicht bekämpfen. Auch eine Ausrottung ist durch den immensen Wirtspflanzenkreis von über 400 Gräserarten, zu denen Getreide, Ungräser, Ziergräser und Nutzgräser gehören, nicht möglich.
Alle Bilder auch Teaserbild von Ute Kropf
Pollenflug und Infektionsrisiko bei Roggen
Die Sporen des Erregers infizieren vor allem nicht befruchtete Blüten. Die Befruchtung bleibt aus, wenn nicht genug Pollen vorhanden ist. Unter günstigen Bedingungen blüht ein Roggenbestand an einem Vormittag innerhalb von wenigen Stunden ab. Alle Blüten öffnen sich, gesteuert durch die Tageslänge, gleichzeitig und werden durch die überfliegende Pollenwolke bestäubt. Finden Pollenwolke und Blüten nicht zueinander, kann es zu Infektionen kommen. Ursachen für Pollenmangel können Witterungsereignisse sein. Frost, Hitze oder Trockenheit vor der Blüte können die Pollenproduktion stören. Dadurch steht nicht genug Pollen für eine Bestäubung zur Verfügung. Regen während der Blüte beeinträchtigt den Pollenflug, sodass die Blüten länger offenstehen und auf die Befruchtung warten. Späte Triebe oder Zwiewuchs, insbesondere am Feldrand und in den Fahrgassen, sind besonders betroffen. Bei ihnen ist der Pollenflug schon vorbei, wenn sie zur Bestäubung bereit sind. Ziel ist es daher, möglichst gleichmäßig entwickelte Bestände zu etablieren, die von einer massiven Pollenwolke überflogen werden.
Nach einer erfolgreichen Erstinfektion produziert der Pilz Honigtau, der massenhaft Sporen enthält und klebrig an den Blüten hängt. Dieser wird durch mechanischen Kontakt, wie zum Beispiel durch Wind oder die Bearbeitung in den Fahrgassen sowie durch Regen und Insekten verbreitet. Auf diesem Weg infiziert er weitere unbefruchtete Blüten oder andere Wirtsgräser.
Weichen frühzeitig stellen
Auch wenn eine direkte Bekämpfung nicht möglich ist, gibt es einige Punkte, die man im Vorfeld beachten kann, um den Befall so gering wie möglich zu halten.
- Aussaat: Eine Ablagetiefe von 2 Zentimetern ist die Grundvoraussetzung für eine gleichmäßige Bestockung. Vor oder zur Aussaat muss der Boden dafür gut rückverfestigt sein und darf sich auch über den Winter nicht weiter setzen. So wird verhindert, dass die Bestockungsknoten einen Lichtreiz bekommen, der eine Nachbestockung oder Zwiewuchs auslöst. Leichte Böden sind nach einer starken Lockerung mit dem Pflug oder breiten Grubberscharen nur schwer rückzuverfestigen. Ein 90er-Ringpacker wäre hier noch die beste Wahl, reicht jedoch meist nicht aus. Besser ist es, leichte Böden nur streifenweise schräg zu lockern. Das erhält die Festigkeit der Krume, ermöglicht den Wurzeln bei viel Regen aber dennoch das Eindringen in lockere Bereiche. Zudem sollten die Drillschare nicht über Ernterückstände rollen oder durch eine zu schnelle Fahrt ins Schwingen geraten.
- Saatstärke: Ein zu dichter oder zu dünner Bestand vergrößert die Triebhierarchie. Die notwendige Pflanzenzahl für einen gleichmäßig beährten Bestand ergibt sich aus der Zielährenzahl und der Anzahl der Triebe pro Pflanze, die bis zum Vegetationsbeginn drei Blätter ausgebildet haben. Bei 500 Ähren pro Quadratmeter und drei Trieben je Pflanze mit mindestens drei Blättern sind 170 Pflanzen pro Quadratmeter nötig. Je nach den zu kalkulierenden Pflanzenverlusten durch den Feldaufgang oder Winterverluste liegt die Saatstärke dann bei 200 bis 220 Pflanzen pro Quadratmeter.
- Stickstoff: Ein Stickstoffschub in der Schossphase kann Nachschosser und Zwiewuchs fördern. Es ist daher sinnvoll, die N-Strategie darauf anzupassen. Auf langjährig organisch gedüngten Standorten fällt die N-Nachlieferung aus dem Boden oft mit der zweiten N-Düngung zusammen. In diesen Fällen empfiehlt es sich, die zweite N-Gabe generell zu reduzieren oder deren Anteil auf die erste N-Gabe zu verteilen.
- Kupfer und weitere Spurenelemente: Kupfer ist wichtig für die Bestockung, die Ährenentwicklung und die Pollenbildung. Auf humosen Standorten mit mehr als drei Prozent organischer Substanz wird Kupfer vom Humus immobilisiert. Eine Blattdüngung mit Kupfer in der Bestockung, im frühen Schossen und auf das Fahnenblatt ist dann angeraten. Zink und Bor sind ebenfalls an der Pollenproduktion beteiligt. An Standorten mit einer schlechten Versorgung im Boden können diese Spurenelemente über zwei bis drei Blattdüngungsmaßnahmen ausgebracht werden. Eine Bodendüngung wäre die Königslösung, da die Elemente von der Wurzel direkt an die Orte des Bedarfs transportiert werden. Sie ist allerdings deutlich teurer.
- Wachstumsregler: In Verbindung mit Trockenheit, Hitze oder Nachtfrost kann der Einsatz von Wachstumsreglern zu Stress führen, der die Pollenproduktion und den Blührhythmus verändert. Es ist ratsam, den Aussaattermin, die Saatstärke und die N-Strategie so zu planen, dass minimale Mengen für die Standfestigkeit ausreichen und nicht zu ungünstigen Zeiten gekürzt werden muss. Eine dünnere Saat bereits im September verlegt den Kürzungsrhythmus in eine Zeit, in der noch ausreichend Winterfeuchtigkeit zur Verfügung steht.
- Drusch: In Fahrgassen, Randbereichen und Lagerflächen ist der Befall mit Mutterkorn an Nachschossern kaum zu vermeiden. Diese Flächenteile sollten separat gedroschen werden, um gesunde Partien besser vermarkten zu können
- Pflügen: Nach einem Befallsjahr ist eine Pflugfurche eine Option, um die Sklerotien zu beseitigen. Im Gegensatz zu den Sklerotien anderer Pilze, wie zum Beispiel Sclerotinia im Raps, sind jene des Mutterkorns nicht so lange lebensfähig. Bereits im zweiten Jahr sinkt die Keimfähigkeit deutlich ab.
Kritischer Blick ins Feld
Es lohnt sich, die Roggenbestände noch vor der Ernte genau zu beobachten. Eine Beurteilung der Bestandsstruktur, der Gleichmäßigkeit der Triebe und der Befallsregionen hilft dabei, die kritischen Baustellen im eigenen Anbau zu identifizieren. Auch regionale Sortenversuche bieten eine gute Gelegenheit, bewährte Sorten im direkten Vergleich sowie Neuzüchtungen unter diesen Aspekten unter die Lupe zu nehmen.
Der Artikel ist erstmalig erschienen in: Badische Bauern Zeitung. Mit freundlicher Genehmigung zum Abdruck seitens des Verlages und der Autorin freigegeben.
Schnell gelesen (Kurzfassung):
Der Artikel von Prof. Dr. Ute Kropf thematisiert die Herausforderungen der Mutterkornbekämpfung im Roggen. Da der Pilz nicht chemisch bekämpft oder ausgerottet werden kann, sind anbautechnische Maßnahmen entscheidend, um Infektionen während der Blüte zu minimieren. Diese umfassen die Optimierung von Aussaat, Saatstärke, Stickstoff- und Spurenelementdüngung sowie den Einsatz von Wachstumsreglern. Auch die richtige Ernte- und Pflugtechnik spielen eine Rolle. Ein kritischer Blick auf die Bestandsstruktur ermöglicht es, potenzielle Problemstellen frühzeitig zu erkennen. Der Artikel erschien erstmalig in der Badischen Bauern Zeitung.
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