Politische Impulse können Märkte verändern: Wie zuvor Deutschland erlebt nun auch Großbritannien einen Biogasboom. Seit Einführung der „Initiative für erneuerbare Wärme“ 2011 ist die Zahl der Anlagen stark gestiegen. Paul Schmieja sprach für die praxisnah mit Philip Marr, unabhängigem Berater für Futterpflanzen und Biogasanlagen in England, über Markttrends, geeignete Kulturen und die entscheidende Rolle der Sortenwahl für Gasertrag und Rentabilität.
praxisnah: Herr Marr, wie stellt sich die aktuelle Biogaslandschaft in England dar?
Philip Marr: In der Biogasbranche erschließen aktuell wahrscheinlich fünf bis sechs große Akteure den Markt hauptsächlich mit privaten Investitionsmitteln. Mittlerweile gibt es in England 646 Biogasanlagen, von denen 480 landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Gülle, Biomasse und Energiepflanzen verwerten. Ein großer Teil der verbleibenden 166 Anlagen wird mit Lebensmittelabfällen betrieben (s. Abb. 1). Lange Zeit dienten Biogasanlagen hauptsächlich der Erzeugung von Strom und Wärme. Mit den neueren Anlagen, die in den vergangenen Jahren gebaut wurden, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend auf Produktion von Gas für Gasversorger.
praxisnah: Was hat den starken Zubau von Biogasanlagen ausgelöst?
Marr: Den entscheidenden Anstoß gab 2011 die „Initiative für erneuerbare Wärme“. Das Programm sollte den Anteil erneuerbarer Energien am Wärmemarkt erhöhen, indem die Energieerzeugung über die Stromrechnungen der Verbraucher subventioniert wurde.
Der Beginn des Ukrainekriegs war sicherlich ein weiterer großer Impuls. Im Laufe des Jahres 2022 wurden mehr als 120 Baugenehmigungen erteilt, und dieser Boom setzte sich bis 2025 fort. Ich denke, dass es im Zusammenhang mit dem Irankrieg einen weiteren deutlichen Anstieg geben wird und wir in Großbritannien mit weiteren 150 Baugenehmigungen rechnen könnten.
praxisnah: Welche Vorteile bietet diese Situation den Landwirten?
Marr: Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Großbritannien, der Weizenpreise und teurer Düngemittel wie Stickstoff suchen Landwirte nach Alternativen zur Nahrungsmittelproduktion, um ihre Rentabilität zu steigern. Mit dem Aufkommen der Biomasseindustrie erhalte ich immer mehr Anfragen zu Hybridroggen, Energierüben und Mais.
praxisnah: Welche Kulturen werden typischerweise als Substrat eingesetzt?
Marr: Den größten Anteil am Substrat hat Mais mit etwa 60 %. Zu Beginn des Booms lag sein Anteil noch deutlich höher, weil wir über andere Kulturpflanzen wie Hybridroggen als Rohstoff noch nicht genug wussten. Heute macht Hybridroggen etwa 35 % aus. Der Rest entfällt auf Energierüben und in geringem Umfang auf Gräser. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich mich mit Mischungen aus Hybridroggen und Mais für Biogasanlagen befasst. Dabei habe ich festgestellt, dass ein Mischungsverhältnis von 75 % Mais und 25 % Hybridroggen den höchsten Gasertrag liefert.
Wie bereits erwähnt, werden die meisten Anlagen mit Energiepflanzen betrieben. Ich werde jedoch immer häufiger von Betreibern angesprochen, die Lebensmittelabfälle verarbeiten und geeignete Energiepflanzen als zusätzlichen Rohstoff suchen. Der Grund ist einfach: Ihre Substrate enthalten zu viel Stärke, und sie möchten mehr Zucker in die Mischungen einbringen, um die Effizienz der Anlage zu erhalten oder bestenfalls zu steigern.
praxisnah: Welche Vorteile bietet Hybridroggen im Gesamtsubstrat?
Marr: Die wirtschaftliche Lage in der Landwirtschaft ist vor allem seit zwei bis drei Jahren angespannt. Die Produktionskosten für Getreide sind stark gestiegen und schmälern die Rentabilität. Hybridroggen ist daher mit seinen geringeren Produktionskosten aus produktionstechnischer Sicht sehr interessant. Er benötigt nur etwa die Hälfte der Stickstoffmenge von Weizen, weil Roggen über ein großes, weitreichendes Wurzelvolumen verfügt. Wie die Trockenperioden der vergangenen Jahre gezeigt haben, begünstigt dieses Wurzelsystem zudem die Wasseraufnahme. Weizen erreicht lediglich etwa ein Drittel des Wurzelvolumens von Hybridroggen.
Zugleich erfordert die steigende Zahl der Biogasanlagen mehr Rohstoffe. Dadurch entsteht ein Markt mit interessanten Preisen, wenn andere Getreidearten weniger rentabel sind. Aus agronomischer Sicht ist Hybridroggen eine sehr konkurrenzstarke Art, die Grasunkräuter verdrängt – vorausgesetzt, die Aussaatmenge stimmt. In einem Land, das stark mit Ackerfuchsschwanz zu kämpfen hat, ist dies besonders vorteilhaft: Roggen wird hier Ende Juni geerntet, bevor Ackerfuchsschwanz oder Weidelgras keimfähige Samen bilden. Die frühe Ernte verschafft den Landwirten zudem Zeit für die Bodenbearbeitung. So können Grasunkräuter keimen und vor der Aussaat beseitigt werden.
praxisnah: Welchen Mehrwert bieten Sie Biogasanlagenbetreibern in der Beratung?
Marr: Im Laufe der Zeit habe ich rund 140 Roggensorten untersucht und ihr Gaspotenzial bewertet. Als ich begann, mich mit Hybridroggen zu beschäftigen, analysierte ich dessen Anbaubedingungen – von den Sorten und ihrem Wachstumsverhalten bis hin zum Gaspotenzial (s. Abb. 2).
In meinen Gesprächen mit den Betreibern von Biogasanlagen besprechen wir daher die aktuell angebauten Sorten und ich unterstütze sie bei der Auswahl der richtigen Sorte. Damit lassen sich möglicherweise zusätzlich 50 m³/t erzielen. Das klingt zunächst nicht nach viel. Werden jedoch 30.000 Tonnen siliert, lässt sich damit deutlich mehr Gas produzieren.
praxisnah: Es gibt also deutliche Sortenunterschiede bei der Gasausbeute?
Marr: Die Wahl der richtigen Hybridroggensorte ist für einen möglichst hohen Biomasse- und Gasertrag entscheidend.
praxisnah: Welche Kriterien muss eine Sorte für die GPS-Produktion in Biogasanlagen erfüllen?
Marr: Gesucht sind ertragreiche Sorten, die sehr früh in die Vegetationsperiode starten. Je früher das Wachstum beginnt, desto mehr Energie lässt sich potenziell erzeugen. Um den Aufwand möglichst gering zu halten, achten wir zudem auf eine hohe Standfestigkeit. Und natürlich sind außergewöhnliche Erträge gefragt. SU KARLSSON erfüllt diese Anforderungen sehr gut.
praxisnah: Wie wird sich der Biogassektor in England weiterentwickeln?
Marr: Ich rechne mit einem deutlichen Zubau von Biogasanlagen, insbesondere weil die Gasversorger größere Mengen nachfragen. Zugleich ist der Weizenanbau bei den derzeitigen Preisen wirtschaftlich wenig attraktiv, sodass sie ihre Weizenflächen nicht ausweiten. Daher wächst auch bei ihnen das Interesse am Anbau von Energiepflanzen für Biogasanlagen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Schnell gelesen (Kurzfassung):
Der Biogasboom in Großbritannien, ähnlich wie zuvor in Deutschland, wurde durch die "Initiative für erneuerbare Wärme" 2011 und den Ukrainekrieg 2022 stark gefördert. Aktuell gibt es 646 Biogasanlagen, die hauptsächlich landwirtschaftliche Erzeugnisse nutzen. Mais, Hybridroggen und Energierüben sind die Hauptsubstrate. Hybridroggen ist wegen seiner geringen Produktionskosten und Effizienz besonders attraktiv. Philip Marr, Berater für Biogasanlagen, betont die Bedeutung der Sortenwahl für einen hohen Gasertrag. Der Biogassektor in Großbritannien wird weiter wachsen, da die Nachfrage der Gasversorger steigt und Weizenanbau weniger profitabel ist.
Hier mitdiskutieren:
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen? Verfassen Sie hier einen Kommentar:
Sortenfinder