Die Fachberater Maik Seefeldt und Thomas Lehmann arbeiten im „Roggengürtel“ – der eine im nördlichen Niedersachsen und der andere in einem Gebiet von der Mecklenburgischen Seenplatte bis zur polnischen Grenze in Vorpommern-Greifswald. Dr. Anke Boenisch und Stephanie Makowski haben sich für eine Folge des Podcasts „praxiscast.agrar“ mit ihnen über sehr spezielle Bedingungen, die daraus resultierenden Anbaustrategien und die Wettbewerbsfähigkeit des Roggens unterhalten.
Deutliche Unterschiede in den Regionen des „Roggengürtels“
„Ich komme aus der Lüneburger Heide, die geprägt ist von leichten Sandböden“, erläutert Maik Seefeldt. „Was wuchs da früher schon auf den Feldern? Natürlich auch der Roggen, der mit den leichten Standorten und wenig Niederschlag sehr gut zurechtkommt. Er wurde als Brotgetreide angebaut, denn andere Getreidearten wuchsen unter diesen Bedingungen nicht.“
In der Zeit der Industrialisierung und mit dem Aufkommen von Pflanzenschutz- und Düngemitteln wurde auch hier der Ackerbau intensiviert und die Fruchtfolgen veränderten sich dramatisch. Doch der Roggen blieb als festes Fruchtfolgeglied erhalten.
Hybridroggen brachte selbst im Super-Extrem-Sommer 2018 noch Ertrag
Osten: Oft nur schlecht verteilte 450 mm/Jahr
„Auch in meiner Region steht der Roggen auf den nicht weizenfähigen Standorten und ist dort alternativlos. Wir haben häufig mit Frühsommer-Trockenheit zu tun und da profitiert Roggen von seiner tief reichenden Wurzel“, führt Lehmann aus. Doch sein Beratungsgebiet zeichnet nicht nur Frühsommertrockenheit aus – im gesamten Jahr fallen oft nur schlecht verteilte 450 mm. „Bis zum 30. April hatten wir in diesem Jahr keine 50 mm Niederschlag“, beschreibt er die Situation in 2026. Bei diesen extremen Bedingungen stellt sich die Frage, ob Hybridroggen anbauwürdig ist oder man doch bei Populationsroggen bleibt. „Tatsächlich werden auf den extremen Standorten noch Populationsroggensorten angebaut, denn wir reden auf diesen Böden von einem Standortpotenzial von nur 4 Tonnen. Aber ich rate trotzdem vielen Kunden, auf diesen Standorten auch mal einen Hybridroggen auszuprobieren. Die Hybriden sind einfach leistungsfähiger und auch leistungsstabiler. Aber Populationsroggen bleiben hier sicherlich ein Thema.“
Im Westen ist das Standortpotenzial mit 60 dt/ha (schlechte Niederschlagsverteilung und/oder geringe Niederschlagssumme, leichte Böden) bis 110 dt/ha (ausreichende Wasserversorgung, bessere Böden) deutlich höher. „Insgesamt ist bei uns der Hybridroggen gegenüber dem Populationsroggen auch auf den leichten Standorten um ca. 20 % ertragreicher“, hat Seefeldt in der Lüneburger Heide über die Jahre beobachtet. „Weizen ist in der Lüneburger Heide die Ausnahme, der kommt erst wieder ins Spiel, wenn man Richtung Uelzen, Nordsee-, Elb- und Wesermarsch etc. schaut.“
„Auch bei uns kann es in guten Jahren auf guten Standorten ertraglich – mit Hybridroggen – mal auf 100 dt/ha hochgehen“, betont Thomas Lehmann. „Aber in der Regel steht der Roggen hier gar nicht, sondern auf leichten Standorten in der Fruchtfolge meistens nach Mais. Und im Vergleich ist hier ein spät gesäter Weizen i. d. R. dann auch nicht besser.“
Angepasste Anbaustrategien haben sich bewährt
Späte Saatzeiten und wenig Niederschläge erfordern angepasste Strategien.
„Die neueren Hybridsorten sind sehr triebkräftig und sind daher sehr spätsaatverträglich. Ich habe beobachtet, dass in Novembersaaten ältere Sorten 4 Triebe/Pflanze und die neuere Genetik jedoch 7 bis 8 Triebe erreichen. Wir säen vergleichsweise dünn und achten darauf, dass die erste Düngung zügig kommt. Und es hat sich gezeigt, dass die Nährstoffverfügbarkeit mit stabilisierten Düngern schwierig wird: Die Pflanzen kommen im Frühjahr nicht ausreichend in Gang, wenn der Boden noch kalt ist. Und auch später in der Vegetation müssen die Nährstoffe pflanzenverfügbar vorliegen. Nach einer Trockenperiode muss die Pflanze dann zügig wieder Nährstoffe aufnehmen können. Das wird mit stabilisiertem Dünger hier schwierig. In der Regel wird Roggen zum Start fast vollständig gedüngt“, beschreibt Lehmann die gängige Praxis in seiner Region.
Maik Seefeldt ergänzt: „Man muss auch bedenken, dass diese leichten Böden sehr schnell austrocknen. Wenn im zeitigen Frühjahr schon eine Trockenperiode kommt, sollte insbesondere der Stickstoff und auch alle weiteren Nährstoffe schon in der Pflanze verfügbar sein.“ Hinzu kommt, dass eine Beregnung – im Westen hätten viele Betriebe dafür die Möglichkeiten – bei Roggen unwirtschaftlich ist. Diese Kultur zeigt im Vergleich die geringste Ertragsreaktion auf Beregnung. Da ist das oft auch durch Kontingente begrenzte Wasser bei der „Cashcow“ Kartoffel deutlich wirtschaftlicher.
Roggen ist kein Humuszehrer
Intensivkulturen wie Kartoffeln, Zuckerrüben und auch Silomais gelten als Humuszehrer. Roggen ist kein Humuszehrer und könnte, wenn das Stroh auf dem Acker bliebe, sogar positiv auf die Humusbilanz wirken. „Wer hier in Mecklenburg-Vorpommern Silomais hat, hat aber meist auch Tiere. Da wird das Stroh benötigt“, schränkt Lehmann ein. „Und der Strohpreis kann auch für die viehlosen Betriebe durchaus interessant sein und positiv zur Marktleistung des Roggens beitragen“, fügt Seefeldt hinzu.
Flexible Nutzung des Roggens schafft Sicherheit
Und dann ist da noch das Thema „Nutzungsflexibilität“, das auf sehr vielen Betrieben eine wichtige Rolle einnimmt. „Aufgrund seines Ertragspotenzials kann Hybridroggen bei der GPS-Nutzung mit einem Silomais mithalten“, ist Lehmanns Erfahrung. „Im Idealfall weiß man bei der Aussaat schon, in welche Richtung man möchte und kann seine Sortenwahl darauf abstimmen.Aber das Schöne ist ja, dass wir beim Hybridroggen flexibel sein können, weil wir Sorten zur Verfügung haben, die bei GPS und Korn ihre Leistung bringen. Wenn wir – wie vor ein paar Jahren – die Situation haben, dass der Mais nicht richtig wächst und man weiß, dass man nicht genug Futter bekommt, kann man kurzfristig beim Roggen umentscheiden. Dann habe ich für das Vieh oder die Biogasanlage ausreichend Futter zur Verfügung.“ Somit trägt Roggen auch ganz wesentlich zur Risikoabsicherung auf den Betrieben bei.
Kann Roggen auch auf Weizenstandorten wettbewerbsfähig sein?
Ist Roggen unter Umständen auch auf weizenfähigen Standorten konkurrenzfähig? „Das kommt auf die Marktkonstellation an“, meint Thomas Lehmann zu dieser Fragestellung. „Wenn man früh gute Kontrakte abschließen kann und das für sich betriebsindividuell durchrechnet, kann Roggen auch hier interessant sein. Ich kenne Betriebe mit Zuckerrüben, die haben mit spät gesätem Weizen nur 5 Tonnen geerntet. Mit Hybridroggen nach Zuckerrüben lagen sie aber bei weit über 9 Tonnen. Damit hat man natürlich dann eine gute Wirtschaftlichkeit erreicht.“
Maik Seefeldt weist beim Thema Wirtschaftlichkeit noch auf den geringeren Pflanzenschutz- und Düngeraufwand des Roggens hin. „Wir haben an unserem Standort in Wulfsode (Anmerkung der Redaktion: Niedersachsen, 30er Böden) einen mehrjährigen Effizienzversuch durchgeführt, wo Roggen mit Weizen bei unterschiedlichen Düngungsvarianten und mit und ohne Beregnung verglichen wurde. Hier erwies sich Roggen als die effizientere Kultur (s. www.praxisnah.de/202332).“
Fazit
Auch auf weizenfähigen Standorten kann Roggen eine Alternative zum Weizen sein, wenn die Marktkonstellation eine entsprechende Marktleistung dann auch zulässt. Hinzu kommt eine relativ einfache Bestandesführung.
Schnell gelesen (Kurzfassung):
Der Artikel diskutiert die Anbaubedingungen und Strategien für Roggen im sogenannten "Roggengürtel", der sich von Niedersachsen bis Vorpommern-Greifswald erstreckt. Roggen erweist sich als robuste Kultur auf leichten, trockenen Böden und bietet Vorteile wie geringeren Düngemittel- und Pflanzenschutzbedarf. Die Experten Maik Seefeldt und Thomas Lehmann betonen die Anpassungsfähigkeit von Hybridroggen, der im Vergleich zu Populationsroggen ertragreicher ist. Doppelnutzungssorten bieten zudem Flexibilität in der Nutzung, was zur Risikoabsicherung der Betriebe beiträgt. Unter bestimmten Marktbedingungen kann Roggen sogar auf weizenfähigen Standorten wirtschaftlich konkurrenzfähig sein.
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