Angesichts volatiler Erzeugerpreise und steigender Betriebskosten steht die Wirtschaftlichkeit jeder agronomischen Maßnahme auf dem Prüfstand. Beim Zwischenfruchtanbau im Kartoffelanbau geht es längst nicht mehr nur um Humusaufbau und Erosionsschutz. Michaela Schlathölter, Züchterin für Zwischenfrüchte, zeigt wie moderne Ölrettichgenotypen als startegisches Präzisionswerkzeug im Resistenzmanagement gegen die virusbedingte Eisenfleckigkeit fungieren.
Die virusbedingte Eisenfleckigkeit mindert die Qualität von Kartoffelpartien oft bis zur Unverkäuflichkeit. Der Infektionszyklus des Tabak-Rattle-Virus (TRV) folgt einem spezifischen Mechanismus. Frei im Boden lebende Nematoden der Gattungen Trichodorus und Paratrichodorus übertragen das Virus über ihren Mundstachel (Stylet) während des Saugvorgangs an der Wurzel. Bei sensiblen Kartoffelsorten kann es zu den eisenfleckigen Verfärbungen führen.
Vom "Zähneputzen" zur genetischen Inaktivierung
Lange Zeit wurde der Effekt des Ölrettichs rein mechanisch erklärt: Beim Probeanstich an der Ölrettichwurzel sollten die Nematoden die Viruspartikel von ihrem Mundstachel abstreifen - der sogenannte "Zähneputzen-Effekt". Neuere Forschungsergebnisse, aus dem Projekt DEFENT (LWK NRW) sowie einem PPS Projekt mit der Universität Wageningen, zeigen jedoch ein weitaus komplexeres Bild. Auch in hochresistenten Sorten (z.B. Defender) ist TRV unmittelbar nach dem Anstich in den Wurzeln nachweisbar. Da diese Sorten jedoch keine dauerhafte Wirtseignung besitzen, kann sich das Virus nicht vermehren und verliert binnen weniger Wochen seine biologische Aktivität. Dies wird als systematische Clearance bezeichnet. In vielen Ölrettich-Linien verliert das TRV während der Infektion den Teil seines Genoms (RNA-2), der für das Hüllprotein verantwortlich ist (genetische Deletion des Virus). Ohne dieses Protein kann das Virus nicht mehr von Nematoden aufgenommen werden. Die Infektionskette zur nachfolgenden Kartoffel wird somit dauerhaft unterbrochen.
Strategische Konsequenzen für die Praxis
Die Wahl der Zwischenfrucht entscheidet über den Infektionsdruck der Folgefrucht. Auf Grundlage des aktuellen Kenntnisstands zur spezifischen Wirkung der verschiedenen Zwischenfrüchte können diese gezielt eingesetzt werden (Tabelle). Dabei sind die Eigenschaften von Ölrettich als Zwischenfrucht auf die Vermehrung von Trichodoriden und Virusübertragung vielversprechend. Damit Ölrettich sein volles phytosanitäres Potenzial entfaltet, müssen drei Faktoren erfüllt sein:
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Gezielte Sortenwahl: Zertifizierte, resistente Standards wie Defender, Agronom oder Siletta Nova garantieren die genetische Virus-Inaktivierung. Diese Sorten zeichnen sich zudem durch eine zügige Anfangsentwicklung und eine späte Blühneigung aus, was die Phase der aktiven Feinwurzelbildung (und damit die Reinigungsleistung) verlängert.
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Bestandesmanagement: Eine Aussaat in den letzten Augustwochen mit etwa 25 kg/ha nach sorgfältiger Bodenbearbeitung stellt sicher, dass die nötige Wurzelmasse für eine effektive Clearance gebildet wird.
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Konsequente Feldhygiene: Der Effekt wird aufgehoben, wenn Unkräuter wie Vogelmiere (Stellaria media) oder Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) und Auflaufkartoffeln im Bestand verbleiben. Diese dienen dem Virus als Reservoir für eine vollständige Replikation inklusive Hüllprotein.
Weitere phytosanitäre Effekte
Ölrettich bietet über den TRV-Komplex hinaus weitere Vorteile, die ihn für moderne Fruchtfolgen unverzichtbar machen. Der Ölrettich als Zwischenfrucht hat einen Einfluss auf die Wurzelläsionsnematoden (Pratylenchus). Während P. crenatus und P. neglectus gut reduziert werden, ist die Wirkung gegen P. penetrans begrenzt. Hier sind Rauhafer oder Tagetes patula überlegen. Bei Leguminosen ist besondere Vorsicht geboten, da sie oft starke Wirte sind.
Ölrettich ist an sich ein schlechter Wirt für Gallenbildende Nematoden (Meloidogyne-Arten). Gegen den nördlichen Wurzelgallennematoden (Meloidogyne hapla), der häufig in ökologischen Fruchtfolgen durch die gute Vermehrung an Klee verstärkt auftritt, wirken einige Sorten stärker befallsmindernd. Gegen den Quarantäneschädling Meloidogyne chitwoodi gibt es bereits speziell gezüchtete multiresistente Ölrettichsorten, die die Nematodenpopulation besonders effizient reduzieren. Die Bezeichnung "nematodenresistent" bei Gelbsenf und Ölrettich bezieht sich auch Rübenzystennematoden und kann Vorteile in Kartoffel-Rübenfruchtfolgen haben. Auf Kartoffelzystennematoden (Globodera spp.) hat Ölrettich jedoch keinen Einfluss.
Zudem verbessert der Anbau von Ölrettich die Bodenstruktur und wirkt sich auf die Bodenverhältnisse aus, sodass Rhizoctonia nachweislich zurückgedrängt wird. Die Anbauversuche und Tests haben gezeigt, dass sich auch die Glasflügelzikade nicht in Ölrettich entwickeln kann. Während in Ramtillkraut die Entwicklung der Zikaden fortschreitet, wird sie im Ölrettich gestoppt und stellt keine weitere Gefahr da. Der Anbau von Ölrettich im Zwischenfruchtanbau fördert nicht den Drahtwurmbefall.
Saatgutqualität und Feldhygiene
Neben geprüften Sorten und präszisem Feldmanagement ist reines Saatgut die entscheidende Säule für einen nachhaltigen Bekämpfungserfolg. Besonders bei preisoptimierten Saatgutmischungen ist Vorsicht geboten. Gesetzliche Lücken erlauben teils den Vertrieb von Komponenten, die weder einer Sortenprüfung unterliegen noch den strengen Reinheitsnormen des Saatgutverkehrsgesetzes entsprechen. Angesichts schwindender chemischer Pflanzenschutzoptionen bergen solche vermeintlichen "Schnäppchen" ein hohes Risiko für die Einschleppung persistenter Verunreinigungen, die den Betrieb langfristig belasten können.
Sortenleistung schlägt Artenvielfalt
In der modernen Zwischenfruchtstrategie darf "Vielfalt" kein Selbstzweck sein, der zu Lasten der phytosanitären Sicherheit geht. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur genetischen Inaktivierung des Tabak-Rattle-Virus verdeutlichen, dass der Erfolg im Kartoffelanbau nicht an der Anzahl der Arten in einer Mischung hängt, sondern an der konkreten Sortenleistung und einer makellosen Saatgutqualität. Eine ungeprüfte Mischung oder minderwertiges Saatgut mit "blinden Passagieren" stellt ein unkalkulierbares Risiko dar, das den gewünschten Effekt im Boden konterkarieren und die Infektionsketten sogar stärken kann. Geprüfte Sorten sind nach wie vor das beste Mittel gegen Krankheiten. Mischungen punkten dagegen immer dann, wenn Nachhaltigkeitsaspekte wie Stickstoffeffizienz, Biodiversität und ein düngungsfreier Anbau die zentrale Rolle spielen.
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