Wir haben in der praxisnah schon zwei Mal über das spannende Praxisprojekt FINKA berichtet. Jetzt stellt Landwirtin und Teilnehmerin Charlotte Schumacher die finalen Ergebnisse vor, die zeigen: Entscheidend ist nicht der Verzicht – sondern das System dahinter.
FINKA steht für ein Praxisforschungsprojekt zur Förderung der Biodiversität im Ackerbau. Über fünf Jahre hinweg wurde auf ausgewählten Flächen bewusst auf chemisch-synthetische Herbizide und Insektizide verzichtet. In sogenannten Betriebspaaren – jeweils ein konventioneller und ein ökologischer Betrieb – wurden alternative Strategien unter realen Praxisbedingungen erprobt und ausgewertet. Ziel war die Entwicklung praxistauglicher Lösungen für einen reduzierten Pflanzenschutz. Da zu Getreide, Mais und Raps die umfangreichsten und belastbarsten Ergebnisse vorliegen, beschränkt sich die Ergebnisdarstellung auf diese Kulturen. Kartoffeln, Zuckerrüben und Leguminosen zeigten jedoch vergleichbare Tendenzen.
Lernen auf Augenhöhe: Warum Betriebspaare funktionieren
Ein Erfolgsfaktor im Projekt war die Zusammenarbeit zwischen ökologisch und konventionell wirtschaftenden Betrieben. Der direkte Vergleich auf dem Acker brachte neue Perspektiven – und oft auch „Aha-Momente“.
Die Zusammenarbeit lief während der Projektzeit überwiegend sehr gut: offen, praxisnah und lösungsorientiert. Wo Abstimmung fehlte oder Arbeitsspitzen dazwischenkamen, lief es gelegentlich weniger rund. Besonders wertvoll war der kontinuierliche Austausch über Maßnahmen, Zeitpunkte und Strategien – gerade auch in Zusammenarbeit mit der Beratung.
Getreide: Warum „nicht sauber“ oft besser ist
Im Getreide wurde schnell klar: Wer einfach nur die Herbizide weglässt, wird scheitern. Wer dagegen das System anpasst, kann erfolgreich sein.
Dem Striegel kommt die Hauptrolle in der Beikrautregulierung zu – besonders wirksam im frühen Stadium. Doch entscheidend war, die Bestände aktiv zu führen statt nur zu reagieren.
Parallel dazu zeigte sich eine deutliche Veränderung der Ackerbegleitflora: Auf den herbizidfreien Flächen nahm sowohl die Artenvielfalt als auch die Deckung der Begleitflora zu. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nicht jede Art problematisch ist – schwach konkurrenzfähige Arten wie beispielsweise das Acker-Vergissmeinnicht oder das Acker-Hellerkraut können toleriert werden, ohne den Ertrag wesentlich zu beeinflussen.
Auch bei den Insekten zeigte sich ein klarer Trend: Die erhöhte Strukturvielfalt und das größere Blütenangebot führten zu einer stärkeren Präsenz von Nützlingen wie Laufkäfern oder Schwebfliegen. Diese können einen wichtigen Beitrag zur natürlichen Regulierung leisten.
Die wichtigste Erkenntnis: Wirtschaftlich denken statt optisch sauber arbeiten.
Mais verlangt andere Antworten als Getreide
Während im Getreide die Konkurrenzkraft der Kulturpflanze vieles abfangen kann, ist Mais in der Jugendentwicklung deutlich anfälliger. Entsprechend verschiebt sich der Fokus weg von Toleranz, hin zu konsequentem Eingreifen.
Im Mais wurde die mechanische Beikrautregulierung am konsequentesten umgesetzt und funktionierte am besten, solange die Maßnahme früh erfolgte. Das Blindstriegeln direkt nach der Aussaat war auf vielen Flächen entscheidend für den Erfolg. Zu spätes Striegeln verlor hingegen deutlich an Wirkung. Die Erfahrung zeigte: Ist das Beikraut einmal etabliert, stößt die Mechanik schnell an Grenzen.
Eine typische Strategie war:
- Blindstriegeln als Standard
- danach Striegel + Hacke
- regelmäßige Kontrolle
Die Intensität schwankte stark – von wenigen bis zu sechs Überfahrten je nach Standort.
Im Mais etablierte sich eine deutlich vielfältigere Ackerbegleitflora (besonders Wärmekeimer wie Weißer Gänsefuß). Mehr Pflanzenvielfalt bedeutet sowohl für Bestäuber als auch für Nützlinge mehr Lebensraum und Nahrung für Insekten. Jedoch blieb die Kontrolle problematischer Arten eine Herausforderung.
Raps: Das System kommt an Grenzen
Raps im Vergleich zu Mais stellt deutlich höhere Anforderungen an das System: Während sich Mais mit konsequenter mechanischer Beikrautregulierung gut führen lässt, rücken im Raps neben der Beikrautkontrolle vor allem Schädlinge stärker in den Mittelpunkt. Insektizid- und Herbizidverzicht führen bei Raps grundsätzlich zu einem höheren Ertragsrisiko.
Daher bleibt Raps die schwierigste Kultur im System. Die Ergebnisse im Projekt waren entsprechend unterschiedlich und die beobachteten Ertragsunterschiede korrelieren nicht mit den variierenden Anbaustrategien (s. Abb. 2).
Vielversprechende Maßnahmen im Raps waren:
- Reihensaat mit Hacke
- Beisaaten (z. B. Klee)
- reduzierte Bestandesführung
Die Beisaaten hatten mehrere Effekte: Sie unterdrückten Beikräuter, verbesserten die Bodenstruktur und schufen zusätzliche Lebensräume für Insekten. Gleichzeitig konnten sie indirekt zur Regulierung von Schädlingen beitragen. Im Raps wurde besonders deutlich, wie wichtig Nützlinge – besonders ohne Insektizideinsatz – sind.
Wirtschaftlichkeit: Weniger Pflanzenschutz spart Geld – aber nicht ohne Gegenleistung
Für die betriebswirtschaftliche Bewertung wurden Direkt- und Arbeitserledigungskosten erfasst. Die Kosten der Beikrautregulierung umfassen dabei sowohl Herbizide als auch die Überfahrten mit Spritze, Striegel oder Hacke – inklusive variabler und fixer Kosten.
Einerseits bedeuten Einsparungen bei Herbiziden und Insektiziden teilweise geringere Betriebsmittelkosten. Andererseits bedeuten die neuen Systeme: mehr Überfahrten, mehr Arbeitszeit, mehr Management und vor allem mehr Risiko.
Denn im System ohne Herbizide und Insektizide gilt: Wer zu spät reagiert, verliert – und das ist direkt messbar im Ertrag.
Die Zahlen im Projekt machen dies deutlich:
- Getreide: meist stabil, aber bis zu 10 % Ertragsverlust
- Mais: bei gutem Management tragfähig, dennoch ca. 8 % Minderertrag möglich
- Raps: die kritischste Kultur – im Schnitt rund 20 % weniger Ertrag, teils deutlich mehr
Einerseits zeigte sich also, dass mehr Biodiversität aktuell oft weniger Erlös bedeutet. Andererseits belegen die Ergebnisse aber auch, dass Einbußen entscheidend vom Management abhängen.
- Wer früh reagiert, verliert weniger.
- Wer seine Bestände kennt, kann gegensteuern.
- Wer das System versteht, kann stabilisieren.
Die wesentliche Stellschraube ist also nicht der Verzicht, sondern die Qualität der Umsetzung.
Biodiversität hat heute einen Preis – aber sie ist eine Investition in die Zukunft.
Biodiversität kostet Zeit, Aufmerksamkeit – und oft auch Ertrag. Aber sie schafft gleichzeitig mehr Resilienz, mehr Systemverständnis und langfristig stabilere Produktionssysteme. Damit ist sie eine Investition in die Zukunft. Systemverständnis bedeutet, dass man Bestände und Standort beobachten muss, um individuelle Entscheidungen zum optimalen (!) Zeitpunkt treffen zu können. Perfektionismus – der „saubere Acker“ – kostet nur Zeit und Geld.
Was sich wirklich verändert hat
Viele Betriebe werden künftig häufiger Striegel und Hacke einsetzen, das optimale Timing stärker fokussieren, mehr Entscheidungen nach Schadschwellen treffen, die Sortenwahl anpassen und sich intensiver mit anderen Betrieben austauschen.
Denn gerade Feldtage und gemeinsame Versuche haben dazu beigetragen, dass neue Ansätze schnell in die Praxis kamen. Diese Zusammenarbeit zwischen den Betrieben war einer der größten Erfolgsfaktoren. Das „voneinander Lernen“, Erfahrungen direkt vergleichen und auch Fehler schneller erkennen, spielte eine zentrale Rolle.
Fazit: Weniger Mittel, mehr Können
Das FINKA-Projekt zeigt klar: Der Verzicht auf Herbizide und Insektizide ist möglich, aber kein Selbstläufer.
Den klaren Vorteilen wie der höheren Artenvielfalt bei Ackerbegleitflora und Insekten (auch der Nützlinge), dem besseren Verständnis für Prozesse im Bestand und der größeren Unabhängigkeit von Betriebsmitteln stehen auch Nachteile gegenüber. Zusätzliche Überfahrten kosten Zeit und Geld, das richtige Timing ist nicht immer möglich und die Anforderungen an Beobachtung und Management steigen.
Hinzu kommen natürlich Ertragsverluste: In Getreide und Mais konnten die Erträge in vielen Fällen bei angepasstem Management und günstigen Bedingungen auf einem vergleichbaren Niveau gehalten werden. Im Raps gab es jedoch zum Teil ganz massive Ertragseinbußen.
Mehr Biodiversität bedeutet also oft auch wirtschaftliche Einbußen, die Betriebe bewusst tragen müssen. Weniger Pflanzenschutz ist also möglich, wenn Betriebe bereit sind, mehr Wissen, Zeit und Management zu investieren – und gleichzeitig akzeptieren, dass Biodiversität derzeit nicht immer ohne wirtschaftliche Kompromisse zu haben ist.
O-Töne aus dem Projekt
„Ich setze bewusst auf Sorten, die das Unkraut unterdrücken.“
Carsten Behr, FINKA-Landwirt, ©NAN
Noch entscheidender ist der Perspektivwechsel
„Im FINKA-Projekt habe ich gelernt, dass Unkraut nicht immer zu 100 % wegmuss. Viel wichtiger ist abzuwägen: Nehme ich das vorhandene Unkraut noch raus oder kann das stehen bleiben.“ Jürgen Nülle, Landwirt, ©NAN
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