Der Landwirt Carsten Stegelmann engagiert sich in einer Reihe innovativer ackerbaulicher Projekte und in diversen Landwirtschaftsgremien und -plattformen – und er spricht auch darüber. Martin Rupnow und Dr. Anke Boenisch haben für die praxisnah mit Carsten Stegelmann auf seinem Betrieb in Trantow ein interessantes Gespräch über Chancen für und durch die Landwirtschaft geführt.
Carsten Stegelmanns landwirtschaftlicher Werdegang startete in Segeberg (Schleswig-Holstein). Im Jahr 2000 wechselte er beruflich als Geschäftsführer zur Trantower Agrar GmbH & Co. KG bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern, wo er heute noch aktiv ist. Neben dem Ackerbau sind Biogas und Windenergie wichtige Geschäftsfelder der von ihm geleiteten Betriebe in Dersekow und Umgebung.
Nicht meckern, sondern machen
„Irgendwann kam bei mir der Punkt, wo ich mir dachte: Wenn ich an der Agrarpolitik und an den gesellschaftlichen Forderungen an uns Landwirte etwas ändern will – bzw. diese für uns Landwirte praktikabel sein sollen – dann ist meckern keine Option, dann muss ich aktiv werden. Dazwischen gibt es nichts“, erinnert Stegelmann sich an die Anfänge seiner Aktivitäten in diversen landwirtschaftlichen Netzwerken und Plattformen. „Mir wurde klar, dass wir auf die, die an die Landwirtschaft Forderungen stellen, zugehen und den Dialog suchen müssen. Nur durch Gespräche auf Augenhöhe würde es möglich sein, die Entwicklung im Sinne einer Praktikabilität zu beeinflussen.“
So wurde er 2013 in der „Greifswalder Agrarinitiative – Landeigentümer und Landbewirtschafter für eine Nachhaltige Landwirtschaft“ aktiv. Auf dieser Plattform stehen Landeigentümer und -pächter intensiv im Austausch, immer auf der Suche nach mehr Nachhaltigkeit in der Landnutzung. Die Initiative arbeitete eng mit der Universität und der Stadt zusammen und erarbeitete ökologische Grundsätze und Regeln, durch die ökologische Forderungen an die Landwirtschaft auch praktikabel wurden. Der Dialog zwischen den Mitgliedern, Politik und Gesellschaft stand und steht dabei im Mittelpunkt.
2022 startete dann das Dialognetzwerk des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt, kurz BMEL*. Ca. 40 Landwirte aus ganz Deutschland sind in diesem Netzwerk aktiv und arbeiten eng mit dem Landwirtschaftsministerium zusammen.
Praxiswissen und -erfahrung muss in die Politik einfließen
„Nur wenn es uns gelingt, uns weiter zu entwickeln und Nachhaltigkeit mit Wettbewerbsfähigkeit zu kombinieren, werden wir eine Zukunft haben“, ist Stegelmann überzeugt. „Das Netzwerk bietet da sehr gute Voraussetzungen – aber es ist auch echt viel Arbeit und die erfordert jede Menge Zeit. Aber wir haben hier die einmalige Chance, unser Praxiswissen in die Politik einfließen zu lassen. Dann bleiben die politischen Forderungen auch praktikabel.“
Und natürlich bleibt dies alles kein abstraktes „Rumdiskutieren“ am runden Tisch, denn längst schon lassen sich konkrete Beispiele nennen, von denen der Agrarbetrieb dauerhaft profitiert. Doch dazu später.
Darüber reden, um zu überzeugen und zu begeistern
Die Projekte und Ergebnisse werden dann auf Informationsveranstaltungen vor landwirtschaftlichem Fachpublikum präsentiert. „Man merkt immer wieder: Wenn jemand aus der Politik oder Wissenschaft behauptet, eine Maßnahme sei praktikabel, dann reagieren die Menschen eher zurückhaltend-skeptisch. Wenn aber jemand von uns Praktikern dort steht und sagt: 'Das hat so und so funktioniert.' oder 'Es hat nur mit Einschränkungen
funktioniert.', dann wird uns das geglaubt. Wir aus der Landwirtschaft haben also die Aufgabe, unsere Berufskollegen und -kolleginnen zu überzeugen und zu begeistern.“
2024 dann startete der Agrar-Nord-Talk: Hier kommen die Initiatoren aus der Landwirtschaft und dem ländlichen Raum. Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit und Bedeutung des ländlichen Raumes aufzuzeigen. Beispiele sind hier die Energiewende („Ohne uns ist die Energiewende gar nicht umzusetzen!“), beim Straßenbau und auch bei der Rückgewinnung von Moorflächen etc. „Wir Landwirte und Landwirtinnen müssen die Stimme des ländlichen Raumes werden und in die Gestalterrolle kommen!“, ist Stegelmanns Überzeugung.
Fortschritt, der auf den Betrieben bleibt
Es wurde schon angesprochen: Das, was kommuniziert wird, wurde vorher auf dem Acker und ggf. im Stall von Betrieben auch getestet. Von diesen Versuchen profitieren die von Carsten Stegelmann geführten Betriebe oft auch langfristig. So z. B. von einem Projekt, das die Reduzierung des Pflanzenschutzmittelaufwandes zum Ziel hatte. Das konkrete Ergebnis für die Dersekower Agrar GmbH: Das Spotspraying wurde in Winterraps zum Standard, ebenso der Einsatz von Hacke in Kombination mit der Kamera („steigert die Präzision und Effektivität in unserem Rapsanbau enorm“) und die Bandspritzung. Was heute reibungslos funktioniert, ist aber auch wieder das Ergebnis vieler Versuche und vor allem auch der guten Zusammenarbeit mit Technikherstellern und Forschung.
Ein weiteres Praxis-Beispiel aus dem Bereich der Digitalisierung ist die Erfassung der Stickstoffaufnahme, die im Frühjahr angerechnet werden kann und zur Verbesserung der N-Bilanz führt. Auch dies ist im Betrieb fest etabliert.
Da man u. a. im Dialognetzwerk auch mit der Landwirtschaftlichen Rentenbank zusammenarbeitet, sind einige Maßnahmen – wie die Wiedervernässung von Mooren – förderungsfähig.
„Wir arbeiten zudem daran, die CO2-Bilanz der Betriebe zu verbessern – hier arbeiten wir mit der Zuckerrübenfabrik eng zusammen. Auch hier gibt es Dinge, die NICHT funktioniert haben, wie beispielsweise der eingesetzte Dünger, der aufgrund seines Herstellungsprozesses einen geringen CO2-Fußabdruck mitbrachte. Hier ist aber die zuverlässige Beschaffung ein Problem.“
Die Großbetriebe müssen die Vorarbeit leisten
Nun hat auch der Tag eines Carsten Stegelmann nur 24 Stunden und der aufmerksame Leser hat sich vielleicht schon die Frage gestellt, wer denn eigentlich noch die täglichen (Feld-)Arbeiten macht. Denn natürlich ist klar: Ein solches Engagement kann von niemandem erwartet werden, der im Familienbetrieb mit Feld- und Stallarbeiten voll ausgelastet ist – und das ist nun einmal die Lebensrealität der meisten Vollerwerbsbetriebe dieses Landes. Dessen ist sich auch Carsten Stegelmann bewusst: „Ohne den Rückhalt meines gut ausgebildeten und hoch motivierten Teams hätte ich natürlich für diese zeitaufwendigen außerbetrieblichen Aktivitäten keine Zeit, das ist klar. Auch auf den familiären Rückhalt könnte ich nicht verzichten. Grundsätzlich ist es sehr privilegiert, auf Betrieben arbeiten zu können, die ausreichend Fläche haben, um etwas auszuprobieren, das vielleicht auch mal im Extremfall nicht funktioniert. Aufgrund der Tatsache, dass man mit mehr als 1.000 Hektar LN sich auch mal einige Hektar Ausfall leisten kann, sind wir Großbetriebe eigentlich in der Pflicht, voranzugehen. Die Ergebnisse der Praktikabilität lassen sich in den meisten Fällen auch auf kleinere Betriebe umdenken und das Wissen können und müssen wir zur Verfügung stellen.“
Geben und nehmen: Wer gut vernetzt ist, profitiert!
Aber – auch das ist klar – diese „Netzwerkaktivitäten“ sind natürlich nicht vollkommen uneigennützig, denn die von Stegelmann geführten Betriebe profitieren selbstverständlich auch von dem intensiven Austausch und den vielen fachlichen Kontakten. Wer gut vernetzt ist, weiß immer, wo er kurzfristig die richtige Antwort auf wichtige Fragen bekommt. Und das gilt generell für alle Betriebsgrößen in jedem Bundesland: Wer sich austauscht und bereit ist, ausgetretene Pfade auch mal zu verlassen, kann sich und seinen Betrieb weiterentwickeln.
*seit 2025 im Kabinett Merz Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat – BMEL
Schnell gelesen (Kurzfassung):
Carsten Stegelmann, Geschäftsführer der Trantower Agrar GmbH & Co. KG in Mecklenburg-Vorpommern, engagiert sich intensiv in landwirtschaftlichen Netzwerken, um Politik, Wissenschaft und Praxis besser zu verbinden. Er sucht aktiv den Dialog mit Gesellschaft und Politik, damit deren Forderungen an die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft umsetzbar sind und die Wirtschaftlichkeit der Betriebe nicht gefährden. In der Greifswalder Agrarinitiative und später im Dialognetzwerk des BMEL bringt er Praxiswissen ein, das in politische Entscheidungen einfließt.
Die Ergebnisse der Projekte kommuniziert er regelmäßig vor Fachpublikum – glaubwürdig aus der Praxis. Auch der Agrar-Nord-Talk ist eine Form der Kommunikation – hier ist es das Ziel, die Bedeutung des ländlichen Raums sichtbar zu machen und Landwirte in eine aktive Gestalterrolle bringen.
Die in vielfältigen Projekten erprobten Maßnahmen bleiben teilweise dauerhaft im Betrieb: Spotspraying, Kamerahacken, Bandspritzung sowie digitale N-Erfassung verbessern Effizienz und Ökobilanz. Kooperationen, etwa mit Forschung und Technikherstellern, ermöglichen Innovationen wie Moorwiedervernässung oder CO₂-Optimierungen.
Stegelmann betont, dass große Betriebe in der Pflicht stehen, neue Verfahren zu testen, da sie Risiken besser abfedern können als landwirtschaftliche Betriebe mit geringer Fläche. Gleichzeitig sieht er sein Engagement nur durch ein starkes Team und familiären Rückhalt möglich.
Netzwerkarbeit lohnt sich für alle Betriebe: Wer sich austauscht und Neues ausprobiert, entwickelt sich weiter
Sortenfinder