Versuchswesen Getreide: 15 Jahre Exaktversuch – für mehr Anbausicherheit

Versuchswesen Getreide: 15 Jahre Exaktversuch – für mehr Anbausicherheit

Umfangreiche, mehrortige und mehrjährige Feldprüfungen sollen die Frage klären, was für welche Sorte optimal ist. Denn Sorten können ihr genetisches Potenzial nur dann voll ausschöpfen, wenn sie in der für sie geeigneten Klimaregion bzw. an dem geeigneten Standort stehen und pflanzenbaulich optimal geführt werden.

Die heutigen hohen und stabilen Erträge unserer Kulturarten verdanken wir maßgeblich dem Zuchtfortschritt.

Um den Zuchtfortschritt möglichst schnell in die Landwirtschaft zu bringen, arbeiten bereits die meisten Züchterhäuser mit modernsten und innovativen Züchtungsmethoden und Labortechniken. Das gilt natürlich auch für die SAATEN-UNION GmbH bzw. deren Züchtergemeinschaft, bestehend aus 7 mittelständigen Züchterhäusern. Hier vertraut man aber nicht nur auf modernste Zuchtmethoden, sondern auch auf ein ausgeklügeltes internes Prüfsystem mit Standorten in ganz Europa. Denn alle potenziellen Sorten müssen sich im Feld mit ihrer Gesamtheit an Eigenschaften beweisen, um eine Zulassung durch das Bundessortenamt zu erhalten. Zwar testet das Bundessortenamt in den Wertprüfungen die Sortenkandidaten, aber die internen Versuche der Saaten-Union gehen noch darüber hinaus und prüfen Fragestellungen an noch nicht im Markt eingeführten Sorten, die das System des Bundessortenamtes nicht erfassen kann.


Versuchsstandorte in Deutschland
Versuchsstandorte in Deutschland
15 Jahre Exaktversuche in ganz Europa schaffen Sicherheit

Besonders intensiv wird Winterweizen in produktionstechnischen Versuchen auf Herz und Nieren geprüft – und das seit nunmehr 15 Jahren. Denn gerade Weizen ist in seiner Anpassungsfähigkeit regional beschränkt, reagiert stark auf verschiedene Umweltbedingungen und hat unterschiedliche Ansprüche an das Resistenzpaket. Die Versuche werden über eine intensive Dokumentation und Evaluation über die gesamte Vegetationsperiode begleitet und kontinuierlich optimiert. Diese Versuche liefern wertvolle Ertrags- und Qualitätsdaten und Hinweise auf die für die jeweiligen Sorten optimale Produktionstechnik – die Basis für eine optimale Beratung und Anbauempfehlung. Das Versuchsnetzwerk wurde über die Zeit immer wieder angepasst, aber die Fragestellungen bleiben im Kern die selben: Wie saatzeittolerant ist eine neue Sorte? Wie reagiert sie auf einen reduzierten Fungizideinsatz? Verträgt die Sorte den Anbau als Stoppelweizen bzw. eine suboptimale Stellung in der Fruchtfolge? An Standorten wie Kleptow in Brandenburg zeigt sich zudem die Anbaueignung für leichte und trockene Standorte. Exemplarisch werden auch verschiedene Saatstärken geprüft.

Um zu den genannten Fragestellungen fundierte Aussagen zu treffen, werden in jedem Jahr zwischen 20 und 25 Ver-suche in Deutschland angelegt. Hinzu kommen noch zurzeit weitere Versuchsstandorte in Österreich, Tschechien und Ungarn – hier wird die Sorteneignung für trockene und heiße Klimate geprüft. Daten zur Winterhärte von Standorten im Baltikum, Polen und Nordschweden fließen – so denn entsprechende Witterungsbedingungen vorliegen – mit ein.


1. Saatzeiten und Vorfrüchte

Die Saatzeiten orientieren sich immer am standortangepassten optimalen Saattermin. Zwischen den unterschiedlichen Varianten – Frühsaat, Optimalsaat, Spätsaat – sollen jeweils zwei bis drei Wochen liegen. Die Frühsaat steht dabei in der Regel nach Winterweizen, um ein hohes Stresslevel hinsichtlich Fruchtfolgekrankheiten für die Pflanzen zu generieren („Stressvariante“). Die Optimalsaat steht in der Regel nach Winterraps oder anderer Blattfrucht, der bestmögliche Saattermin wird genutzt. Der Winterweizen soll also in optimaler Umgebung aufwachsen. Die Spätsaatvariante steht überwiegend nach Mais und wird, je nach Standort, auch mal bis Mitte November ausgesät. Hier muss die Sorte beweisen, wie gut sie die fehlende Vegetationszeit im Herbst dann zu Beginn des neuen Jahres wieder kompensieren kann.

Aus den Daten der Wertprüfungen lässt sich die relative Vorzüglichkeit einer Sorte bei verschiedenen Saatzeiten nur schwer ableiten. Daher bringen solche produktionstechnischen Versuche einen echten Mehrwert. Abb. 1 zeigt die Ertragswerte dreijährig (2019–2021) geprüfter Sorten und der Verrechnungssorte RGT Reform relativ zum Versuchsmittel (Frühsaat n = 13, Optimalsaat n = 42, Spätsaat n = 20). Die Abbildung zeigt z. B. die ausgeprägte Spätsaateignung für SU HABANERO. Ein Blick in die zweijährigen Daten (2020–2021, Abb. 2) zeigt, dass eine Sorte wie Gentleman ihre Stärken, aufgrund der guten Gesundheit, in der Frühsaat am besten ausspielen kann, während SU FIETE eine sehr saatzeittolerante Sorte ist. Hier schwanken die Relativerträge zwischen den Saatzeiten nur geringfügig. Die frühe französische Sorte MACARON, welche den Ertrag über die Bestandesdichte generiert, braucht ganz klar die Frühsaat zur ausreichenden Bestockung und dem späteren Ertragsaufbau.


Kornertrag und Saattermin; Sortenreaktion
Kornertrag und Saattermin; Sortenreaktion

Kornertrag und Saattermin, zweijährig geprüfte Sorten
Kornertrag und Saattermin, zweijährig geprüfte Sorten


2. Reduzierter Fungizideinsatz

Um für die Praxis weitere Hinweise bezüglich des Fungizidbedarfs einer Sorte geben zu können, wird das gesamte Prüfsortiment aktuell auf vier Standorten in jeweils zwei Intensitäten geprüft: in der fungizidreduzierten Variante (FU-red) und der ortsüblich vollbehandelten Variante (FU-max). In der fungizidreduzierten Variante wird in der Regel nur eine Fungizidmaßnahme zu EC 39 durchgeführt.

Die zweijährigen Daten (2020–2021; n = 8, Abb. 3) zeigen, dass es bei einigen Sorten durchaus wirtschaftlich sein kann, auf die volle Behandlung zu verzichten. Gesunde Sorten wie Gentleman und KWS Emerick verlieren durch die Reduzierung der Fungizide kaum an Ertrag, während Informer und MACARON eine intensivere Bestandesführung benötigen, um ihr Ertragspotenzial auszuschöpfen.


Ertragsverlust durch Fungizidreduktion
Ertragsverlust durch Fungizidreduktion


3. Saatstärken bei verschiedenen Aussaatzeiten

Während bei frühen Saatterminen im Winterweizen im Allgemeinen eine geringere Saatstärke empfohlen wird, darf es bei späteren Saatterminen oft auch „gerne etwas mehr“ sein, um einen guten Bestand zu gewährleisten. Jedoch reagieren Sorten sehr unterschiedlich auf eine Anpassung der Saatstärke. Im Versuch wurden die Saatstärken angepasst an die Aussaatzeit und entweder ortsüblich optimal oder um 100 Körner/m² reduziert. Wie zu erwarten war, hatte der Standort den signifikantesten Einfluss auf die Erträge. Aber auch die Wechselwirkungen zwischen Ort und Saatzeit waren hochsignifikant. Hinsichtlich der Saatstärke reagierten die Sorten unterschiedlich, wenngleich dies rechnerisch bei diesem erst einjährigen Versuch (noch) nicht signifikant war. Man kann hier also erst einmal nur Tendenzen ableiten.

Es zeigt sich im Mittel über alle Varianten hinweg, dass die höhere – die optimale – Saatstärke am Ende auch in höhere Erträge umgesetzt wurde. Die Differenzen zwischen optimaler und reduzierter Saatstärke liegen zwischen +5,11 dt/ha (MACARON in der Spätsaat) und -1,66 dt/ha (SU FIETE in der Frühsaats. Abb. 4). Einzelährentypen wie SU FIETE profitieren hier also sogar von einer reduzierten Saatstärke. Französische Bestandesdichtetypen wie beispielsweise MACARON benötigen höhere Saatstärken. Im Mittel aller Sorten zeigt sich, dass die Saatstärken am ehesten zu optimalen Aussaatzeiten reduziert werden können (Differenz nur 0,4 dt/ha), denn sowohl in der Früh- als auch in der Spätsaat ist ein Ertragsverlust von über 1,5 dt/ha zu beobachten. Hierbei sollte aber auf jeden Fall der Ertragsbildungstyp der angebauten Sorten berücksichtigt werden.


Saatstärke und Sortenreaktion
Saatstärke und Sortenreaktion


Ausblick – die Herausforderungen der Zukunft?

Bei dem hier vorgestellten produktionstechnischen Versuch wird das Versuchsdesign immer aktuellen Fragestellungen angepasst, um auf zukünftige Anforderungen an den Ackerbau rechtzeitig reagieren zu können.

Zur Ernte 2022 wird die fungizidreduzierte Saatvariante als richtige „Low-Input-Variante“ gefahren werden: reduzierter Pflanzenschutz und zusätzlich eine um 35 % reduzierte Stickstoffversorgung. Die Erkenntnisse hieraus sind nicht nur aufgrund der Debatte über „Rote Gebiete“ und Nitrat im Grundwasser höchst interessant, sondern können auch bei den aktuell extrem gestiegenen Düngerpreisen wichtige Impulse bei der Sortenwahl geben. Bei der Wintergerste werden aktuell ebenfalls die Spätsaattoleranz sowie das Verhalten der Sorten unter extensiveren Anbaubedingungen geprüft.

Text: Jan Röttjer, Gunnar Kleuker; Foto: SAATEN-UNIO

Gunnar Kleuker
Gunnar Kleuker
Der Agrarwissenschaftler Gunnar Kleuker ist seit dem 01.05.22 Produktmanager Lizenzkulturen National bei der SAATEN-UNION. „Ich stamme von einem Ackerbaubetrieb, daher interessiere ich mich besonders für Getreide und die Anpassung der Fruchtfolge an neue wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen. Die Ergebnisse der umfangreichen produktionstechnischen Versuche werden mir extrem dabei helfen, zu den neuen Sorten fundierte Aussagen hinsichtlich der optimalen Produktionstechnik zu treffen. Nur dann kann das Ertragspotenzial der Sorte voll ausgeschöpft werden – und damit auch ihr Marktpotenzial.“

Autor/in: Jan Röttjer

Schnell gelesen (Kurzfassung):

Alle potenziellen Sorten müssen sich im Feld mit ihrer Gesamtheit an Eigenschaften beweisen, um eine Zulassung durch das Bundessortenamt zu erhalten. Zwar testet das Bundessortenamt in den Wertprüfungen die Sortenkandidaten, aber die internen Versuche der Saaten-Union gehen noch darüber hinaus und prüfen Fragestellungen an noch nicht im Markt eingeführten Sorten, die das System des Bundessortenamtes nicht erfassen kann.

Besonders intensiv wird Winterweizen in produktionstechnischen Versuchen auf Herz und Nieren geprüft – und das seit nunmehr 15 Jahren. Denn gerade Weizen ist in seiner Anpassungsfähigkeit regional beschränkt, reagiert stark auf verschiedene Umweltbedingungen und hat unterschiedliche Ansprüche an das Resistenzpaket. Die Versuche werden über eine intensive Dokumentation und Evaluation über die gesamte Vegetationsperiode begleitet und kontinuierlich optimiert.

Im Kern werden folgende Fragen an den deutschlandwirten 20-25 Standorten in Deutschland und im umliegenden Ausland bearbeitet: Wie saatzeittolerant ist eine neue Sorte? Wie reagiert sie auf einen reduzierten Fungizideinsatz? Verträgt die Sorte den Anbau als Stoppelweizen bzw. eine suboptimale Stellung in der Fruchtfolge? An Standorten wie Kleptow in Brandenburg zeigt sich zudem die Anbaueignung für leichte und trockene Standorte. Exemplarisch werden auch verschiedene Saatstärken geprüft.

Der Artikel beschreibt einige Ergebnisse exemplarisch und zeigt, wie unterschiedlich Sorten auf Saatzeiten, reduzierte Saatstärken und reduzierten Fungizidaufwand reagieren.