Bedrohen Viren die Rentabilität des Wintergerstenanbaus?
Bedrohen Viren die Rentabilität des Wintergerstenanbaus?

Die Wintergerste hat sich auch in den schwierigen Jahren 2017/2018 als sehr ertragsstabile und sehr leistungsfähige Kulturart erwiesen. In vielen Betrieben ist sie daher hochrentabel. Doch der Krankheitsdruck wächst: Gefährden bodenbürtige Mosaikviren mittelfristig die Rentabilität der Wintergerste? Die hier beschriebene Einschätzung der Situation von Ralph Behrens, Landberatung Harzvorland, basiert auf einem Gespräch, das er Ende Mai mit praxisnah führte.

Die Landberatung Harzvorland betreut Flächen in den Landkreisen Goslar, Harzkreis, Salzgitter und Wolfenbüttel mit insgesamt 40.000 Hektar. Die Bodenqualität reicht von Hochertragsstandorten bis zu schwächeren Kalkstein-Verwitterungsböden. Hier hat die Wintergerste einen Fruchtfolgeanteil von ca. 10 %, es ist aber zu vermuten, dass aufgrund der neuen GAP-23-Bestimmungen dieser etwas ansteigen wird.

Bis auf das Jahr 2018 – hier waren die Aussaatbedingungen im Herbst 2017 sehr schlecht – hatte die Wintergerste im Zeitraum 2014–2020 ertraglich gegenüber dem Winterweizen auf den betreuten Betrieben immer die Nase vorn. Dies umso mehr, je schwächer die Böden waren. Während der Ertragsunterschied auf den besseren Böden 2014–2020 3–5 dt/ha betrug (112 dt/ha Gerste, 108 dt/ha Weizen), waren es auf den schwächeren schon mal bis zu 15–20 dt/ha – bei vergleichbarer Produktionsintensität –, weil die Wintergerste mit der Frühsommertrockenheit besser zurechtkommt (s. Tab. 1). Dann ist die Gerste die ertragssicherere Kulturart. Allerdings reagiert sie auf suboptimale Bestellbedingungen empfindlicher als Weizen, was sich dann in den schwachen Erträgen Ernte 2018 widergespiegelt hat. Hier war der Weizen bei uns mit bis zu 10 dt/ha besser als die Wintergerste.



Gelbmosaikviren werden ein immer stärkeres Thema

Wie andere Getreidearten auch, kann auch die Wintergerste von Viruserkrankungen befallen werden. Regional gesehen ist das Thema Mosaik-Virusbefall in Wintergerste sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. Im Beratungsgebiet der Landberatung Harzvorland wurden schon Anfang der 90ger-Jahre dazu erste offizielle Versuche vom JKI durchgeführt – das Thema ist hier also schon länger präsent. Seit dieser Zeit hat die betroffene Fläche regional deutlich zugenommen und auch die Beratung tendiert zu GMV-2-resistenten bzw. toleranten Sorten. Es ist in der Praxis und in den Versuchen klar zu beobachten, dass der ertragliche Schaden durch einen Virusbefall umso größer ist, je mehr die Pflanzen durch die Witterung gestresst sind. In guten Jahren mit ausreichenden Niederschlägen jedoch hält sich der Schaden meist in Grenzen.

Zwar ist eine direkte Bekämpfung des Virus nicht möglich, man könnte aber den Virusdruck deutlich herabsetzen, wenn man nach der Bearbeitung eines befallenen Schlages die Maschinen gründlich reinigt, um die Erreger nicht mit Erde und Pflanzenrückständen weiter zu verbreiten. Dies ist aber in der Praxis nicht umsetzbar. Eine ausreichend lange Anbaupause scheidet in der Regel aufgrund der wirtschaftlichen Attraktivität der Gerste in der Regel aus.


Sind doppelresistente Sorten ausreichend ertragsstark?

Bisher sind doppelt tolerante bzw. resistente Sorten unter normalen Bedingungen ertragsschwacher als andere Gerstensorten. Bei Trockenheit plus Virusdruck jedoch stecken sie den Witterungsstress erheblich besser weg und sind dann auch wirtschaftlich. Es gibt auch sehr stark betroffene Standorte, die mehrere Jahre hintereinander einen hohen Krankheitsdruck hatten. Hier ist die Wirtschaftlichkeit des Anbaus resistenter und ertragsstabiler Sorten fast immer gegeben.

In den letzten beiden Zulassungsjahrgängen sind mit SU MIDNIGHT und Picasso doppelresistente Futtergerstensorten dabei, die mit Ertragseinstufungen von 8/8 bzw. 7/8 ertraglich sehr vielversprechend sind. Es besteht die Hoffnung, dass es hier einen Schritt nach vorne geht. Allerdings müssen sich diese Sorten auch erst einmal in den praxisnahen Versuchen bestätigen, denn diese sind für die meisten bei der Sortenwahl nach wie vor entscheidend.


Kommentar von Paul Steinberg, Produktmananger Getreide

Virosen im Ackerbau – bodenbürtige Mosaikviren aber auch Verzwergungsviren – können zurzeit mit ackerbaulichen Ansätzen, chemischer Bekämpfung der Vektoren und Sorteneigenschaften wirkungsvoll eingegrenzt werden.

Mit Reduzierung des Pflanzenschutzes werden die ackerbaulichen Ansätze wie z. B. Erweiterung der Fruchtfolge, Vermeidung von Frühsaaten, Meidung von Mais als Nachbarkultur immer wichtiger.

Die Resistenzzüchtung trägt ebenfalls wesentlich zur Lösung des Problems bei.

Da Virosen in einigen europäischen Ländern wie Frankreich schon deutlich länger im Fokus stehen, können wir uns auf kurze Sicht neben den in Deutschland zugelassenen Sorten auch mit EU-Sorten behelfen, die ertragsstärker sind als resistente Sorten der „ersten Generation“. Wir werden in Deutschland mit Blick auf die Wertprüfung in den nächsten zwei Jahren ebenfalls sehr gutes Material erhalten.

Paul Steinberg, mobil 0171-861 24 14


Verzwergungsviren: frühe Saattermine vermeiden

Man muss klar zwischen den bodenbürtigen Mosaikviren und den über saugende Insekten übertragenen Verzwergungsviren unterscheiden. Letztere bergen ein deutlich höheres Risiko, denn Ertragsausfälle von 50 % und mehr sind bei Starkbefall keine Seltenheit. Bei der Bekämpfung der Verzwergungsviren hat man wirkungsvolle Instrumente zur Hand. In der Regel werden blattlausübertragene Krankheiten durch den Klimawandel begünstigt, der uns immer häufiger einen warmen Herbst und milden Winter beschert. Aus Frankreich ist zu vernehmen, dass dort Sorten ohne Resistenz gegen Verzwergungsviren keinerlei Chancen im Markt haben bzw. auch gar nicht mehr zugelassen werden. Auch die Züchter in Deutschland haben diese Resistenzen als Zuchtziel weit nach vorne gerückt.

Alles, was den Blattlaus- und Zikadenbefall fördert, führt zu mehr Virusbefall. Das gilt sowohl für die Witterung – warmer Sommer und milder Herbst – als auch für ackerbauliche Faktoren. Das Ausfallgetreide sollte rechtzeitig beseitigt und falls möglich Wegränder gemulcht werden. Besonders Gerstenschläge neben Silomais weisen einen extremen Blattlausbefall auf, weil die Insekten im Herbst auf alles fliegen, was noch oder schon grün ist. Der Zuflug ist umso stärker, je früher die Gerste gesät ist. Daher gilt auch bei Verzwergungsviren: Frühe Aussaaten vermeiden! Zudem sollte man unbedingt den Läusezuflug regelmäßig kontrollieren und im Herbst rechtzeitige Insektizidmaßnahmen einleiten.

Liegen die genannten Risikofaktoren vor, sind oft zwei Insektizidmaßnahmen notwendig. Schon im Mai konnte kann man auch Sortenunterschiede sehr gut erkennen. Während tolerante Wintergerstensorten nur schwache Symptome zeigen, lag in Beständen mit nicht-toleranten Sorten oft Nest an Nest.

Wenn es tatsächlich so kommen sollte, dass Insektizidmaßnahmen drastisch reduziert werden müssen, dann ist offensichtlich, dass eine gute Toleranz oder eine echte Resistenz gegen Verzwergungsviren immer wichtiger wird. Zwar gibt es schon tolerante Sorten, aber die sind noch nicht ganz so ertragsstark wie die Standardsorten, daher ist es im Moment oft noch wirtschaftlicher, zweimal Insektizid zu fahren, als auf tolerante Sorten auszuweichen.


Fazit

Zwar sind wichtige Viruserkrankungen in der Gerste (und nicht nur hier) im Vormarsch, aber der Druck lässt sich einerseits durch ackerbauliche Maßnahmen herausnehmen und andererseits werden uns zukünftig resistente und tolerante Sorten einen wirtschaftlichen Wintergetreideanbau ermöglichen. Es sind in den aktuellen Wertprüfungen einige sehr interessante Kandidatinnen im Rennen.