Ackerbaustrategie 2035: Sieht so die Landwirtschaft in 15 Jahren aus?

Die Produktivität des Ackerbaus wurde in den vergangenen Jahrzehnten enorm gesteigert, was jedoch auch Herausforderungen hinsichtlich Umwelt- und Naturschutz, Ökonomie und gesellschaftlicher Akzeptanz mit sich bringt. Die Ackerbaustrategie zeichnet ein Bild zum Ackerbau in 15 Jahren – wie sehen landwirtschaftliche Berater aus den verschiedenen Regionen des Landes Landwirtschaft 2035?

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Die Ackerbaustrategie des Bundes ist eine mittel- bis langfristige Strategie, sie kann jedoch kein Handbuch sein. Mit der Ackerbaustrategie will das BMEL den Rahmen für einen zukunftsfähigen Ackerbau in Deutschland beschreiben, Perspektiven aufzeigen und die Landwirtschaft aktiv bei der Umsetzung unterstützen.


Aufbau der Ackerbaustrategie

Die Ackerbaustrategie gliedert sich in sechs Leitlinien und zwölf Handlungsfelder. Die Leitlinien dienen dabei als Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Ausrichtung des Ackerbaus. Für jedes Handlungsfeld sind in der Strategie die Problembereiche und Zielkonflikte beschrieben. Als Lösungsansätze wurden Ziele und Maßnahmen erarbeitet.


Leitlinien

  1. Versorgung mit Nahrungsmitteln, Futtermitteln und biogenen Rohstoffen sicherstellen
  2. Einkommen der Landwirtinnen und Landwirte sichern
  3. Umwelt- und Ressourcenschutz stärken
  4. Biodiversität in der Agrarlandschaft bewahren
  5. Beitrag zum Klimaschutz ausbauen und Ackerbau an den Klimawandel anpassen
  6. gesellschaftliche Akzeptanz des Ackerbaus erhöhen

Handlungsfelder

  1. Bodenschutz weiter stärken und Bodenfruchtbarkeit erhöhen
  2. Kulturpflanzenvielfalt erhöhen und Fruchtfolgen erweitern
  3. Düngeeffizienz erhöhen und Nährstoffüberschüsse verringern
  4. integrierten Pflanzenschutz stärken und unerwünschte Umweltwirkungen reduzieren
  5. widerstandsfähige und standortangepasste Arten und Sorten entwickeln
  6. ackerbauliche Potenziale mithilfe der Digitalisierung optimal nutzen
  7. Biodiversität in der Agrarlandschaft verstärken
  8. Klimaangepasste Anbaukonzepte entwickeln
  9. Klimaschutz im Ackerbau ausbauen und Synergien nutzen
  10. Bildung und Beratung stärken
  11. mehr Wertschätzung für Landwirtinnen und Landwirte
  12. Umsetzung der Ackerbaustrategie politisch und finanziell begleiten

Die Ziele – so soll es bis 2035 werden

  • Mehr als 20 % der Flächen werden ökologisch bewirtschaftet und Verbraucher sind auch bereit, mehr Geld für ökologisch produzierte Lebensmittel zu zahlen. Sie ernähren sich regional und saisonal.
  • Ökologischer und konventioneller Landbau haben voneinander profitiert.
  • Weiterentwicklung der Erträge durch Effizienzsteigerung und der Gewinne durch Prozessoptimierung
  • Effizienzsteigerung durch Digitalisierung der Landwirtschaft
  • Mix aus großen und kleinen Betrieben
  • Erreichung ökologischer Ziele durch ressourcenschonenden Einsatz von Betriebsmitteln
  • Erweiterte Fruchtfolgen tragen zu einer Steigerung der Biodiversität bei, bei gleichzeitig gegebener Wirtschaftlichkeit. Es gibt widerstandsfähigere Pflanzen, die weniger Pflanzenschutz benötigen und daher gibt es auch weniger resistente Unkräuter.
  • Standortangepasste Leguminosen binden Stickstoff für Folgekultur, deswegen wird weniger N-Dünger benötigt. Zudem können Eiweißimporte gesenkt werden.
  • Die Qualität der Böden verbessert sich: Der Humusgehalt aller Ackerböden befindet sich bis 2030 im Gleichgewicht, Erosion und Schadverdichtungen werden vermindert, die Bodendiversität steigt.
  • Belastungen für Wasser, Luft und Boden sind gesunken, da als Folge weiter Fruchtfolgen, vermehrter Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung und Pflanzenzüchtung weniger Dünger und auch weniger Pflanzenschutz benötigt werden. Die Ernten sind trotzdem sicher.
  • Die Biodiversität allgemein steigt.
  • Mehr Effizienz in der Züchtung durch neue Zuchtmethoden ermöglicht eine schnelle Anpassung der Nutzpflanzen auf Wassernutzung, Trockenstress und Hitzetoleranz.

Maßnahmen

  • Handlungsempfehlungen für Humusaufbau entwickeln
  • Anbauversuche zur Erweiterung der Fruchtfolgen fördern
  • Entwicklung neuer alternativer Produktionsverfahren mit den Schwerpunkten Bodenqualität, Reduzierung von Düngung und chemischem Pflanzenschutz, Nützlingsförderung
  • Verfahren zur Mulch- und Direktsaat unter veränderter Pflanzenschutzsituation erproben
  • ganzjährige Bodendeckung durch mehrjährige Kulturen, Zwischenfruchtanbau, Untersaaten, Einarbeitung von Rückständen
  • verbesserte Fahrzeugtechnik für weniger Bodenschäden
  • Optimierung von Flurbereinigungsverfahren

Paul Steinberg


Meinungen aus den Regionen: „So könnte es funktionieren.“

Mehr Bodenbiodiversität, mehr Bodenfruchtbarkeit und weniger Nährstoffausträge: Für wie effektiv halten Sie Zwischenfrüchte, Untersaaten und weite Fruchtfolgen?

Andreas Henze
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Andreas Henze (Schleswig-Holstein)

„Ich sage als Berater für die Saaten-Union in Schleswig-Holstein seit mehr als 30 Jahren, dass unsere typischen engen Fruchtfolgen nicht nachhaltig sind. Allerdings konnte man mit ihnen jahrzehntelang problemlos gutes Geld verdienen. Mit weiten Fruchtfolgen wird es zwar ein Stück weit komplizierter, aber eben auch nachhaltiger und auf lange Sicht auch ökonomischer. Ich halte viel von der Fruchtfolge Raps – ein früher Weizen (z. B. LEMMY, FAUSTUS) – eine kruziferen- und leguminosenfreie Zwischenfrucht (z. B. viterra® Universal) dann im Wechsel entweder Ackerbohne oder Hafer – und dann Wintergerste. Die Ertragsbringer stehen hier nach besten Vorfrüchten,
es wird was für den Boden getan und die Sommerungen helfen beim Unkrautmanagement.

Zwischenfrüchte tragen zum Humuserhalt bei. Zwischenfrüchte bringen in etwa so viel an organischer Substanz ein, wie dann innerhalb der Fruchtfolge wieder abgebaut wird.

Die einzigen Kulturen, die unter unseren Bedingungen wirklich zum Aufbau von Humus beitragen können, sind Gras, Kleegras und ggf. noch Grasuntersaaten in Silomais. Bei Silomais haben wir hier mittlerweile ein echtes Ertragsproblem, weil die Böden verarmt sind und auch die Bodenstruktur gelitten hat. Hier müssen wir unbedingt was tun! Wir sind zum Beispiel an Versuchen beteiligt, in denen viterra® Lundsgaarder Gemenge, Rotklee, viterra® Untersaat, Sandhafer und Grünschnittroggen als Untersaat getestet werden.

Um den Acker ohne Breitbandherbizide wieder sauber zu bekommen, müssen wir auch im konventionellen Anbau mehr mechanisch arbeiten. Hier wird sich in der Landtechnik noch viel tun, sodass wir mit einer Kombination aus selektiven Herbiziden und Maschineneinsatz zurechtkommen.

Ich persönlich halte sehr viel von mehrjährigen Kleegras-Mischungen. Die bringen wirklich was für den Boden und man holt bis zu acht Schnitte bestes Futter herunter!“


Deutlich weniger chemischer Pflanzenschutz bis 2035, kein Glyphosat mehr ab 2023: Welche Maßnahmen tragen dann alternativ zur Ertragssicherung bei?

Roy Baufeld
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Roy Baufeld (Thüringen)

„Wir sollten unsere Anbausysteme schrittweise umstellen, um Stück für Stück Verbesserungen zu erhalten. Die Erweiterung der Fruchtfolge ist unsere größte Stellschraube. Und eine „richtige“ Fruchtfolge ist ein Wechsel von Halm- und Blattfrucht UND Sommer- und Winterung.

Wir haben in Thüringen zwei große Probleme: erstens zu wenig Wasser und zweitens zu viel Ackerfuchsschwanz. Beim Ackerfuchsschwanz haben wir den richtigen Zeitpunkt verpasst, um gegenzusteuern. Eigentlich musste man schon vor Jahren die Fruchtfolgen erweitern, dann hätte man heute deutlich weniger Probleme mit Ungräsern. Jetzt treffen die wenigen noch zur Verfügung stehenden Herbizide oft schon auf Resistenzen und zeigen auf manchen Problemstandorten kaum mehr als 50 % Wirkung. Sie können also allenfalls noch eine Ergänzung sein.

Das beste Anti-Ackerfuchsschwanzmittel, das wir haben, sind die Sommerungen. Mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit bleiben hier nur 3–4 Kulturen übrig: Silomais für Vieh- oder Biogasbetriebe, Sommerbraugerste, Futtererbse und eventuell noch Ackerbohne. Vor allem die Sommergerste rechnet sich, wenn man bedenkt, dass diese Kultur sehr kostenextensiv zu führen ist und einen sehr guten Effekt auf Ackerfuchsschwanz hat.

Neben der Fruchtfolge ist eine weitere Stellschraube die Optimierung der Bodenbearbeitung – wieder mehr Tiefenlockerung, wenn möglich, oder aber in extremen Trockenregionen deutlich weniger Bodenbearbeitung. Dem Humusabbau kann man mit Zwischenfrüchten gegensteuern. Auch das Wasserhalte- u. Aufnahmevermögen des Bodens, sowie das Bodenleben wird mit Zwischenfrüchten verbessert. Und schließlich kann man auch viele Pflanzenschutzprobleme vermeiden, wenn man die Saatzeit optimal wählt. Sehr frühe Termine sind hier oft notwendig, weil das knappe Wasser noch gut ausgenutzt werden kann, oder aber schwierige Standorte dies erfordern. Aber man hat damit natürlich auch mehr phytosanitäre Probleme, Aufwendungen, sowie deutlich mehr Ackerfuchsschwanz. Mit wüchsigen Weizensorten wie NORDKAP oder SU HABANERO kann ich auch noch später drillen und diese Sorten entwickeln sich dann noch immer anständig.“


Eine Erweiterung der Fruchtfolge auf mindestens fünf Kulturarten unter Beachtung von Anbaupausen und ausgewogenem Verhältnis zwischen Blatt- und Halmfrüchten: Funktioniert das bundesweit so wie das ja schon sehr oft in Süddeutschland praktiziert wird? Wie realistisch ist die geplante Ausweitung des ökologischen Anbaues auf bundesweit 20 % Ihrer Ansicht nach?

Franz Unterforsthuber
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Franz Unterforsthuber (Südbayern)

"Erweiterte Fruchtfolgen sind zur Stabilisierung der Erträge unter den gegebenen Voraussetzungen notwendig. Die geforderten Einschränkungen bei Düngung und Pflanzenschutz sowie pflanzenbauliche Probleme mit Resistenzen und Fruchtfolgekrankheiten zwingen zu einem Umdenken. Die konkrete Anzahl der Fruchtfolgeglieder muss aufgrund unterschiedlicher Betriebsstrukturen jedoch einzelbetrieblich entschieden werden.

Raps spielt in der Fruchtfolge als Blattfrucht eine zentrale Rolle in allen Anbauregionen. Roggen ist die Alternative für die leichten Standorte. Regional ist Durum interessant zu vermarkten. Das Gleiche gilt für Hafer, der als extensivere Kultur wie Leguminosen oder Dinkel das Ganze pflanzenbaulich sehr gut ergänzt. Problematisch ist oft die Vermarktung, die eine wirtschaftliche Produktion zulässt. Dinkel hat den Sprung aus der Nische geschafft und erlangt überregionale Bedeutung. Die Sojabohne ist auf einem guten Weg sich zu etablieren, passt jedoch nicht in alle Regionen. Schwieriger ist häufig der Absatz von Erbsen und Ackerbohnen.

Es gibt Züchterhäuser, die haben mit den Kulturen, die jahrzehntelang in Nischen vor sich „hindümpelten”, mit Überzeugung weitergearbeitet. Zum Beispiel das Haus Südwestsaat bei Durum und Dinkel, die Norddeutsche Pflanzenzucht bei Leguminosen oder auch P.H. Petersen bei Zwischenfrüchten – daher stehen uns jetzt, wo das Interesse an diesen Kulturen wieder da ist, moderne Sorten zur Verfügung.

Der ökologische Landbau erfährt mit derzeit ca. 10 % der Ackerfläche eine starke Ausweitung. Ob bis 2030 das Ziel 20 % ökologisch bewirtschaftete Fläche erreicht wird, hängt davon, zu welchen Preisen der Markt das steigende Angebot aufnimmt."


Eine ausreichende und bedarfsgerechte Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen einerseits – andererseits die wirksame Reduktion von Nährstoffausträgen in Boden, Wasser und Luft: Kann beides funktionieren?"

Maik Seefeldt
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Maik Seefeldt (nördliches Niedersachsen)

„Blanke Äcker über Winter – das wird (Gott sei Dank) der Vergangenheit angehören. Hier können Zwischenfrüchte einen wertvollen Beitrag leisten, den Nährstoffaustrag zu minimieren und die Nährstoffe in der Fruchtfolge zu halten. Das Interesse an der Einbindung von Leguminosen in die Fruchtfolge wächst besonders bei Betrieben ohne organische Dünger (in den Roten Gebieten).

Wo wir auf jeden Fall besser werden müssen und können, ist bei der Ausnutzung der applizierten Nährstoffe. Ich sehe da vor allem in der Digitalisierung/Precision Farming/Smart Farming ein riesiges Potenzial: bei der Analyse des Nährstoffbedarfes genauso wie bei der Applikationstechnik; punktgenau zum richtigen Zeitpunkt auch in die stehenden Bestände. Das wird die Zukunft sein – auch beim organischen Dünger.

In beregneten Kulturen kann ich mir auch eine Verregnung der Nährstoffe, ähnlich wie bei der Fertigation gut vorstellen – gerade mit Blick auf die zunehmende Frühjahrstrockenheit. In einigen Ländern wird dies bereits (auch sehr erfolgreich schon) gemacht und könnte in vielen Regionen Deutschlands eine Option sein.

Und dann müssen wir bei der Kulturarten- und Sortenwahl noch mehr darauf achten, was wirklich passt. N-effiziente Weizensorten wie z. B. LEMMY können helfen, aber vor allem auch Hybriden – und das natürlich nicht nur mit Blick auf Weizen, sondern auch auf Roggen und Raps. Mit dem besseren Wurzelsystem, im Vergleich zu Liniensorten, sind Hybridsorten einfach besser darin, Wasser und Nährstoffe effektiv aufzunehmen und in Ertrag umzusetzen. Und das ist ja das Ziel: Wasser und Nährstoffe gut auszunutzen, damit Verluste zu minimieren und daraus einen sicheren Ertrag mit bester Qualität zu machen.“