Leistungsstark – auch wenn das Wasser knapp wird

Milde Winter – im Norden von anhaltender Nässe begleitet, auf vielen anderen Standorten viel zu trocken – kaum Niederschlag im Frühjahr bei überdurchschnittlichen Temperaturen: Die Winterkulturen leiden. Nur der Hybridroggen trotzt allem Unbill. Warum diese Kultur die Ertragsfähigkeit eines Standorts so gut ausnutzen kann, erläutert Dr. Ute Kropf, Fachhochschule Kiel.

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Die heutigen sehr leistungsfähigen Hybridroggen-Sorten nutzen die Ertragsfähigkeit von Standorten bis 50 BP aus und sind dort deutlich ertragsstabiler als Wintergerste und Winterweizen.

Dies zeigen auch die Ergebnisse unseres Versuchsstandortes in Schleswig-Holstein am Beispiel der letzten beiden Erntejahre 2018 und 2019 im Vergleich zu guten Weizen- und Gerstensorten (Linien):

  • Hybridroggen lag im Ertrag um mindestens 10 % höher.
  • Seine ertragsstärkste Komponente ist die Korndichte bzw. Kornzahl je Ähre mit einem Plus von 30 %, während die Tausendkornmasse nur um 15 % sinkt.
  • Für die im Schnitt erreichten 110 dt/ha kam er von Vegetationsbeginn bis zur Teigreife mit nur 220 mm Wasser aus. Davon stammten 140 mm aus Niederschlägen und 80 mm aus den Bodenvorräten (45 BP und 100 % nFK nach Winter). Je 20 mm kann Hybridroggen 10 dt/ha Kornertrag generieren; Weizen benötigt dafür 25 mm.

Dr. Ute Kopf, FH Kie
Preview Dr. Ute Kopf, FH Kie
Hohe Wassereffizienz

Hybridroggen ist aufgrund seiner geringen Blattfläche besonders effizient im Vergleich zu Weizen und Gerste. Die Assimilationsleistung schöpft Roggen vorzugsweise aus dem langen Stängel, der auch ein immenser Assimilatspeicher ist. Wichtig ist daher, dass der Stängel gesund ist. Neben dem samenbürtigen Roggenstängelbrand (Urocystis occulta) ist der Schwarzrost (Puccinia graminis) die wichtigste Erkrankung des Stängels. Er hat seinen Namen von den schwarzen Wintersporenlagern. Die Sommersporenlager sehen aus wie die des Braunrostes (Puccinia recondita), bleiben aber auf Stängel und Blattscheiden begrenzt, während Braunrost nur die Blätter befällt. Schwarzrost spielt zurzeit nur auf Standorten eine Rolle, auf denen seine Ansprüche an moderate Feuchtigkeit und Temperatur, das Vorkommen des Winterwirtes (Berberitze) und mehrjähriger Roggenanbau zusammentreffen. Vermutlich reicht auch die Dauerwirkung leistungsfähiger Carboxamide bis zur späten Infektion nach der Blüte.

Dass Hybridroggen aus dem gleichen Wasserangebot 10–20 % höhere Erträge als Weizen bildet, liegt an seiner hohen Korndichte von etwa 30.000 Körner/m², während gute Weizenerträge bei 24.000 Körner/m² liegen. Für die Ährenentwicklung, die im Januar mit dem Doppelring-Stadium beginnt, nimmt sich Roggen ganze 90 Tage Zeit, Weizen jedoch nur 50 Tage. So nutzt Roggen die Winterfeuchtigkeit zur Ährendifferenzierung besser aus.


Vitale Bestockungstriebe im Herbst

Die Ausbildung vitaler Ähren in den Nebentrieben ist eine weitere Stärke des Hybridroggens: 150 Pflanzen bilden 350 Nebentriebe und damit 500 Ähren. Jeder Nebentrieb legt während der Bestockung ab dem 3. Blatt Kronenwurzeln an, die ihn später mit Wasser und Nährstoffen versorgen. Im Herbst senden die Wurzelspitzen bereits Hormonsignale (Cytokinine) in die Ährenanlage und fördern deren Zellteilung. Je besser die Wurzeln jetzt wachsen und sich verzweigen können, desto größer wird die Ähre.

Nässe im Herbst, winterliches Dauerwachstum und Vorsommertrockenheit verkraftet Hybridroggen von allen Winterkulturen am besten. Dennoch geht eine Aneinanderreihung von Wetterextremen nicht spurlos an ihm vorbei. Obwohl die Vorsommer in 2018 und 2019 sehr trocken waren, lagen zwischen beiden Jahren 24 dt/ha Ertragsunterschied (Tab. 1). Grund waren die schlechteren Bedingungen im Herbst 2017. Bereits im Oktober 2017 standen die Wurzeln bis Februar in der wassergesättigten Krume. Diese trocknete ab Mai bis August 2018 völlig aus. Das durch die Nässe begrenzte Wurzelwachstum konnte während der Trockenheit dem abziehenden Wasser nicht hinterherwachsen. Im Herbst 2018 hingegen war die Krume mit 40–50 % nFK moderat feucht und erst ab Dezember wassergesättigt. Die Wurzeln konnten ungehindert in die Tiefe wachsen und sich verzweigen. Daher konnte er die 2019 sogar noch früher beginnende Trockenheit problemlos überstehen


Ertragsstruktur und Wasserbedarf: Tabelle zum Vergrößern bitte anklicken
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Ertragsstruktur und Wasserbedarf: Tabelle zum Vergrößern bitte anklicken


Saattiefe x Wurzelbildung = Trockentoleranz

Die Herbstentwicklung wird außerdem noch von der Saattiefe bestimmt. Die Bauernregel „Roggen muss das Licht sehen und sollte eher flach gedrillt werden“ hängt mit der Kleinkörnigkeit des Roggens zusammen, durch die er eine zu tiefe Ablage nicht verträgt. Aber eine zu flache Ablage geht auch zulasten der Bewurzelung, der Standfestigkeit und der Toleranz gegenüber Bodenherbiziden.

Damit sich die Seitentriebe in der Bestockung gut bewurzeln können, muss Roggen einheitlich auf 2 cm Saattiefe abgelegt werden. Die Ablagetiefe sollte man im Frühjahr kontrollieren. Setzt sich der Boden durch mangelnde Rückverfestigung nach der Saat, stehen die Pflanzen doch zu flach. Gerade leichte und trockene Standorte sind nach einer Pflugfurche nur schwer wieder bis zum Saathorizont rückzuverdichten. Um Wasser zu sparen, kann Roggen auf leichteren Böden besser pfluglos angebaut werden. Voraussetzungen sind eine nicht schadverdichtete Krume und gutes Ernterückstandsmanagement.


Standfestigkeit: Richtiges Timing beim Wachstumsregler ist wichtig

Dunkelgrüne Knotenscheiben; Bild Kropf
Preview Dunkelgrüne Knotenscheiben; Bild Kropf
Die gute Einkörnung erlaubt geringere Saatstärken, was auch die Standfestigkeit fördert. Der tiefe Lichteinfall in dünneren Beständen kräftigt die unteren Internodien zusätzlich. Zum richtigen Timing des Wachstumsreglers sollten die Halme unbedingt aufgeschnitten werden, um den Abstand der grünen Knotenscheiben sicher beurteilen zu können (s. Bilder oben). Wartet man auf die Fühlbarkeit der dicken Blattknoten, ist es meist zu spät. Die Internodien des Roggens strecken sich bereits, solange die Halme noch auf dem Boden kriechen. Um die ersten beiden oder gar drei Internodien mit einer Maßnahme zu erreichen, sollte das zweite Internodium wenigstens 3–4 cm lang sein (BBCH 32). Die Ähre selbst darf noch nicht die
Ideales Stadium für die erste Kürzung
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Große Periode erreicht haben (ab Ährenlänge 12–15 mm). Kurz vor dem Grannenspitzen (BBCH 39) muss unter wüchsigen Bedingungen eine zweite Wachstumsreglermaßnahme die oberen Internodien kürzen und stabilisieren. An die Mengen muss man sich mit Auslassungsfenstern herantasten. Roggen braucht den Halm zur Ertragsbildung und verträgt eine zu starke Einkürzung nicht. Optimal ist es, wenn er zur Ernte „in den Seilen hängt“.


Halten wir fest:

Nach einer guten Herbstentwicklung ist Hybridroggen deutlich stresstoleranter gegenüber Trockenheit, selbst wenn sie bereits in der Ährenstreckung ab Ende April eintritt. Zudem ist er durch die hohe Korndichte nicht auf ein hohes Korngewicht angewiesen und kann mit Hitze in der Kornfüllung besser umgehen als selbst Gerste. Hinsichtlich der Wassereffizienz ist Hybridroggen unschlagbar.

Und auch in Anbetracht der künftig eingeschränkt verfügbaren Fungizide punktet Hybridroggen. Für die wichtigsten Erreger Braunrost und Rhynchosporium wird es ausreichend Wirkstoffe geben. Wirkstoffresistenzen bestehen bei diesen beiden Pathogenen bisher nicht.