Wintergerste punktet mit mehr als „nur“ Ertragssicherheit

Die Anbauflächen der Wintergerste steigen erst seit einigen Jahren wieder an. Dazu trägt nicht nur der Zuchtfortschritt bei Ertrag und Standfestigkeit bei: Immer wichtiger werden auch die Resistenz gegen Virosen sowie allgemeine Vorteile innerhalb der Fruchtfolge. Ralph Behrens, Landberatung Harzvorland e. V., über Vorteile und Produktionstechnik einer immer noch oft unterschätzten Kultur.

SU Ellen
SU Ellen
Verbesserte Virusresistenz

Wintergerste wird von einer ganzen Reihe von Virosen befallen, die regional den Anbau ganz erheblich einschränken können. So hat in den letzten Jahren die Ausbreitung des Gelbmosaikvirus Typ 2 z. B. im nördlichen Harzvorland deutlich zugenommen. Nahezu alle heutigen Sorten sind resistent gegen Gelbmosaikvirus Typ 1, einige neuere Sorten auch gegen den Typ 2 (BaYMV-2, z. B. SU ELLEN, SU Antje). Neben der Resistenz gegen das Gelbmosaikvirus Typ 2 sind SU Laurielle, KWS Keeper, JOKER und Hedwig auch resistent gegen das milde Gelbmosaikvirus (BaMMV).

Weitere Züchtungserfolge sind Neuzulassungen wie Paradies und CONTRA, die gegen das von Blattläusen übertragene Gelbverzwergungsvirus resistent sind.


Trockenheit: Gerste ist ertragssicherer als Stoppelweizen

Mit geringeren Wasseransprüchen gegenüber dem Stoppelweizen hat die Wintergerste bei zunehmender Frühjahrstrockenheit auf vielen Standorten deutliche Vorteile. Insbesondere auf leichteren Böden ist sie damit ertragssicherer. Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern lagen in den letzten Trockenjahren die Erträge sogar über denen des Weizens (nicht ausschließlich Stoppelweizen), aber auch in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein kam die Gerste 2019 ertraglich an den Winterweizen heran oder übertraf diesen sogar.


Viele Vorteile für die gesamte Fruchtfolge

Dank der frühen Ernte bietet die Wintergerste die Möglichkeit der intensiveren Stoppelbearbeitung und der damit einhergehenden besseren Strohrotte. Damit gilt sie immer noch als die bessere Vorfrucht vor Zuckerrüben und vor allem auch vor Raps. Denn bei später Weizenernte kommt die Stoppelbearbeitung häufig zu kurz.

Bei ausreichender Wasserversorgung ist die Etablierung einer guten Zwischenfrucht möglich. Dies bietet den viehstarken Betrieben sowie Betrieben mit Biogasanlagen eine gute Möglichkeit, die anfallenden organischen Dünger im Herbst zu verwerten.


Ökonomische Bewertung

In unseren langjährigen betriebswirtschaftlichen Auswertungen zeigt die Wintergerste einen Ertragsvorteil von bis zu 5 dt/ha gegenüber dem Stoppelweizen. Vergleicht man die Gerste mit dem dritten Weizen in der Fruchtfolge, fällt der Vorteil noch höher aus. Aber auch gegenüber Weizen (Blatt- und Stoppelweizen) lag sie im Harzvorland in den meisten Jahren ertraglich über Weizen oder mit diesem gleichauf (s. Abb. 1).


Ertragsvergleich

Ertragsvergleich


Monetär schwieriger zu beziffern sind die arbeitswirtschaftlichen Vorteile von Wintergerste: Sie entzerrt Arbeitsspitzen und der Mähdrescher wird besser ausgelastet.


Ralph Behrens, Landberatung Harzvorland e. V.
Ralph Behrens, Landberatung Harzvorland e. V.
Fazit

Die Vorteile der Wintergerste liegen auf der Hand:

  • sehr gute Vorfrucht vor Raps, Zuckerrüben und Mais
  • Vor Sommerungen ist eine frühe Etablierung einer guten Zwischenfrucht möglich (sinnvolle Verwertung von organischen Düngern).
  • Aufgrund geringerer Wasseransprüche und der früheren Abreife gegenüber dem Stoppelweizen, punktet die Wintergerste nicht nur auf flachgründigen Standorten mit höheren Erträgen.
  • Brechung der Arbeitsspitzen, Entzerrung des Erntefensters, bessere Auslastung der vorhandenen Mähdruschkapazitäten

Die Züchtungsfortschritte beim Ertrag und im Resistenzbereich werden der Wintergerste weiteren Aufschwung bereiten. Die größte Herausforderung ist es, den Wirkstoff Chlorthalonil zu ersetzen, um auch in Zukunft die ertragsbegrenzenden Krankheit Ramularia in den Griff zu bekommen.


Grundregeln des Wintergerstenabaues

Standortwahl

Die nicht allzu ausgeprägte Winterfestigkeit sollte bei der Standortwahl berücksichtigt werden: Bei Wintergerste ist die Grenze bei -12 bis -15° C erreicht, Lagen mit Kahlfrostgefahr sollten gemieden werden, aber auch eine langanhaltende Schneebedeckung mag Gerste nicht.

Aussaat

Wintergerste bevorzugt ein gut abgesetztes Saatbett. Nach entsprechender Stoppelbearbeitung ist auch die pfluglose Bestellung nach Weizen oder Triticale möglich, es bleibt dann aber das Risiko des Durchwuchses von Weizen oder Triticale. Ungünstige Aussaatbedingungen toleriert die Wintergerste nicht. Die Saatzeiten sollten so gelegt werden, dass die Wintergerste sich im Herbst nicht überwächst, denn damit steigt der Krankheitsdruck deutlich an.

Mit dem Bau der Biogasanlagen und Ausweitung der Maisanbaufläche wird seit geraumer Zeit Wintergerste nach Silomais angebaut. Bei Saatterminen bis zum 1. Oktober eignen sich auch Liniensorten, bei späteren Terminen wurden mit den Hybridsorten die besseren Erfahrungen gemacht (ortsübliche Saatstärke minus 30 %). Die Hybridsorten sind durch ihre Wuchsfreudigkeit zu diesem späten Saattermin im Vorteil. Ertraglich liegt die Wintergerste nach unseren Erfahrungen nach der Vorfrucht Mais um ca. 8–10 dt/ha über der Vorfrucht Weizen. Auch hat sie nach Mais ein deutlich geringeres Fusariumrisiko als Weizen.

Düngung

Bei Wintergerste ist zwar eine Herbstdüngung möglich, die Stickstoffvorräte im Boden reichen aber in der Regel für eine gute Bestandsentwicklung im Herbst aus. Insbesondere auf humosen oder flachgründigen Standorten zeigt die Wintergerste vor Winter häufig Manganmangel. Da dieser die Winterfestigkeit herabsetzt, sollte dann eine Mangandüngung durchgeführt werden. Mit einem Sollwert von 180 kg N/ha bei einer Ertragserwartung von 70 dt/ha, sind die Vorgaben der neuen Düngeverordnung gut einzuhalten. Ob dies in den „Roten Gebieten“ bei 20 % verringerte N-Düngung ohne Ertragseinbußen noch so sein wird, bleibt abzuwarten. Zur besseren N-Effizienz sollte eine Schwefeldüngung in Höhe von 20 kg S/ha zu Vegetationsbeginn nicht fehlen.

Eine gute Verwertung von Gülle oder Gärrest im Frühjahr ist im Schlitzverfahren möglich, dies sichert eine hohe N-Ausnutzung und schont damit die N-Bilanz.

Pflanzenschutz

Trotz der guten Konkurrenzkraft der Gerste wird eine ausreichende Bekämpfung auf Ackerfuchsschwanz-Resistenzstandorten schwieriger. Ganz wichtig ist daher die erfolgreiche Bekämpfung mit anderen Wirkstoffgruppen in Raps oder Mais. Da die Aufbrauchfrist des Wirkstoffes Chlorthalonil, dem wichtigsten Baustein zur Bekämpfung von Ramularia, in diesem Jahr endete, wird die Ramularia-Bekämpfung schwierig. Die Wirkung alternativer Wirkstoffe scheint nicht an Chlorthalonil heranzureichen. Die ausreichende Bekämpfung von Ramularia ist jedoch eine Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Anbau von Wintergerste.

Risiko Gelbverzwergung

Das von Blattläusen übertragene Gelbverzwergungsvirus führt zu deutlichen Ertragseinbußen bis hin zum vollständigen Umbruch. Die regelmäßige Kontrolle einer möglichen Läusebesiedlung im Herbst ist daher unerlässlich. Ist die Schadschwelle von 10 % besiedelter Pflanzen überschritten, ist eine Behandlung mit einem Pyrethroid erforderlich.

Wachstumsreglereinsatz

Eine besondere Herausforderung war in diesem Frühjahr der richtige Einsatz von Wachstumsreglern unter trockenen Bedingungen begleitet von häufigen Nachtfrösten. Standardmäßig erfolgt der erste Einsatz in BBCH 31/32. Eine zweite Behandlung zur Minderung des Risikos von Halm- und Ährenknicken in BBCH 39/45 war meistens notwendig.