Biolandbau: Umdenken > probieren > machen!

Die Phase der Umstellung auf ökologischen Landbau ist ökonomisch schwierig: Geringere Erträge und Preise im Vergleich zu vollständig anerkannten Betrieben, sowie Investitionen in Technik und Know-how erfordern in den ersten zwei Jahren einen langen Atem. Umsteller Christoph Heimann sprach mit praxisnah über ein kreatives und stressiges Jahr, ein Jahr mit vielen Erkenntnissen, wenigen Enttäuschungen und auch mit Lehrgeld.

Gemenge Hafer Ackerbohne
Gemenge Hafer Ackerbohne
Die unternehmerischen Ziele waren von Anfang an klar definiert: Das Geld soll nach der Umstellung im Stall mit Sauen und Ferkelaufzucht verdient werden. Die Produktion des Futters wollten die Brüder Heimann transparent halten, denn der Betrieb liegt in Recklinghausen und damit im Ruhrgebiet: Das ländliche Ruhrgebiet hat immer Naherholungscharakter für viele städtisch geprägte Menschen. Blühstreifen mit Bienenpatenschaften gab es daher schon im Jahr eins der Umstellung.


Ackerbaulich liegen ganz gute Bedingungen vor: Die Bodenqualität reicht von 55 bis 75 Bodenpunkten und mit Jahresniederschlägen von 850 – 900 mm im Schnitt der letzten 10 Jahre ist Wassermangel nur in den letzten Ausnahmejahren ein Problem. Die Boden-Nährstoffgehalte in dieser viehstarken Region liegen in der Regel in den oberen Versorgungsklassen. Der Betrieb Heimann hat neben den Schweinen noch eine 270-kW-Biogasanlage. Kleegras und Zweitfrüchte wie Hafer gehen in die Anlage und werden nach energetischer Nutzung wertvoller Dünger. Weiterhin finden sich Mais, Winterweizen als Reinsaat und auch als Gemenge, Wintergerste und Triticale in der Fruchtfolge. Wertvolle N-Binder wie Futtererbsen und Ackerbohnen, testweise auch Soja, stehen nicht in Reinsaat, sondern ausschließlich in Gemenge mit Wintergetreide oder Hafer.


Gemenge haben viele Vorteile

Von Gemengen erwartet Heimann einen höheren Ertrag als in den Reinkulturen. „Ziel sind 140 % im Vergleich zu den 100 % der Reinkulturen“, stellt er klar. „Die Beikrautunterdrückung ist einfacher und bei den stark wechselnden Standorten profitiert immer eine der Kulturen, das Produktionsrisiko sinkt also. Meist sind die Pflanzen auch gesünder, der Schädlingsdruck ist geringer.“

Bei den Gemengekulturen wird zzt. noch viel ausprobiert. Angst vor finanziellen Totalausfällen auf den zum Teil mehrere Hektar großen „Probierflächen“ hat Heimann nicht. Denn die 3-jährige Umstellerprämie sorgt für eine gewisse Absicherung. Nach drei Jahren jedoch sollten die für diesen Betrieb optimalen Anbausysteme gefunden sein.


1. Testflächen Hafer x Ackerbohne

Eine dieser Testflächen mit Hafer/Ackerbohnenmischung sieht für Betrachter mit „konventionellem Blick“ sehr gewöhnungsbedürftig aus. Der abreifende Hafer mit den noch grünen Bohnen wirkt unruhig. Christoph Heimann erläutert: „Wir wollen für die Schweine gesundes, gutes Futter produzieren und dabei den Boden als unser Grundkapital nicht aus dem Blick verlieren. Beide Kulturen sollten eigentlich zusammen geerntet und nach der Ernte separiert werden, um eine bedarfsgerechtere Fütterung zu ermöglichen. Die Ackerbohnensorte TAIFUN ist tanninfrei, das war uns hinsichtlich der Futterqualität sehr wichtig. Beim Hafer habe ich die Allroundsorte APOLLON gewählt. Diesen habe ich dann mit einer mechanischen Saatbettkombination mit 20 kg/ha vor der Ackerbohne ausgedrillt, die einen Tag später mit einer Einzelkorndrille auf 37,5 cm Reihenabstand hinterherkam. Das war, wie ich jetzt sehe, ein Fehler. Denn der Hafer ist jetzt schon so weit abgreift, dass er vermutlich noch vor der Ackerbohnenreife ausfallen wird.“


Gemenge Ackerbohne / Hafer: flach gelockert

Gemenge Ackerbohne / Hafer: flach gelockert

Gemenge Ackerbohne/Hafer tief gelockert

Gemenge Ackerbohne/Hafer tief gelockert


Die Möglichkeit, dass solche Experimente auch „suboptimal“ laufen können, schreckt die Brüder Heimann in keiner Weise. „Es ist ja keinesfalls so, dass wir hier nichts ernten werden. Wir ernten nur anders als geplant und müssen flexibel reagieren. Der ausfallende Hafer wird keimen und kann als Grünhafer gutes ‘Futter’ für die Biogasanlage werden. Die Ackerbohnen sehen gesund und kräftig aus und versprechen ein qualitativ hochwertiges Eiweißfutter zu liefern. Wir müssen natürlich 2020 die Strategie ändern“, ist seine realistisch-optimistische Grundhaltung. „Der Hafer muss 2020 ca. 14 Tage nach der Ackerbohne in den Boden und auch in etwas höherer Saatstärke, damit keine Fehlstellen entstehen und der Hafer nicht verdrängt wird. Ansonsten ist hier 2019 nichts passiert, was uns ärgern müsste“, lautet sein Fazit.

Auf einer anderen Fläche wurde mit diesem Gemenge auch bei der Bodenbearbeitung experimentiert: Während eine Teilfläche vor der Saat tiefgelockert wurde, erfolgte bei der unmittelbar anschließenden Fläche nur eine flache Bearbeitung. Der Unterschied ist sichtbar: Die Pflanzen im tiefgelockerten Bereich sind deutlich größer mit Dominanz der Ackerbohne, die Pflanzen im flach bearbeiteten Bereich hingegen sind kürzer, die Bohnen scheinen hier weniger dominant zu sein.

2. Testfläche Winterweizen x Soja

Auf einem anderen Schlag steht Winterweizen zusammen mit Soja. Sojaanbau in Reinkultur ist in dieser Region fast unmöglich, denn diese Pflanzen schmecken nicht nur den inflationär auftauchenden Tauben („Man hat das Gefühl, die treffen sich hier aus dem gesamten Ruhrgebiet.“) und bieten ihnen gute Landemöglichkeiten. Auch Hasen finden Soja äußerst attraktiv, sodass der Fraßschaden in der Summe nicht akzeptabel ist.

In Mischkultur mit Weizen sind zumindest die Landemöglichkeiten für die Tauben deutlich verschlechtert. Auch der Hasenfraß geht zurück und beschränkt sich meist auf die Fahrspuren und das Vorgewende. Allerdings überlegt der Landwirt trotzdem, 2020 einen Schutzzaun zu ziehen, was sich bei den hohen Preisen für Ökosoja durchaus rechnen könnte. Die noch kleinen Sojapflanzen und der Weizen präsentieren sich hier gut, Heimann hat lediglich etwas Botrytis und ein paar Läuse beobachtet. So ganz perfekt lief dieser Versuch trotzdem nicht, denn „der Weizen in der Ackerbohnenmischung ist zu kurz für eine problemlose getrennte Ernte. Bei der nächsten Aussaat wähle ich eine längerstrohige und trotzdem standfeste Sorte.“ Die Entwicklung der Soja nach der Weizenernte sieht er optimistisch entgegen. Die Reifegruppe der Soja ist so gewählt, dass es bei normalem oder überdurchschnittlich warmem Witterungsverlauf keine Probleme bei der Abreife geben sollte.


Gemenge Weizen Soja ungedüngt

Gemenge Weizen Soja ungedüngt


Unkrautbekämpfung

Im Vorauflauf wurde einmal, im Nachauflauf zweimal gestriegelt. Besonders der Hafer hat darunter gelitten, denn Sommergetreide reagiert auf das Striegeln empfindlicher als Wintergetreide. Bei der in 2020 geplanten zeitversetzten Saat schließt Heimann nicht aus, das dies für den Hafer ein Problem werden könnte. Aber 2019 war das eine gelungene Maßnahme, es „passte“.


Das Fazit aus 2019

2019 war im Ganzen ein Jahr, in dem viel experimentiert und gelernt wurde. Vieles ist auch unrund gelaufen, weil die Organisation einfach noch nicht ausgereift war und wichtige ackerbauliche Maßnahmen daher zu spät kamen. Rückblickend ein stressiges Jahr, nicht zuletzt wegen der fehlenden Routine. Auch eines mit sehr vielen Diskussionen, nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch mit den Berufskollegen. „Das war nicht immer schön und viele fanden unser Experimentieren schlicht unmöglich“, blickt Heimann zurück. Die Bienenpatenschaften, die Infoschilder an dem im Feld liegenden Blühstreifen – alles o.k.! Aber besonders der Anblick der Vorgewende der „Experimentalbestände“ war durch die „konventionelle“ Brille schwer zu akzeptieren. Die Brüder Heimann haben es relativ schnell geschafft, sich neu auszurichten und andere Bewertungsmaßstäbe einzusetzen.

Ganz sicher ist eine Betriebsumstellung nicht für jeden die Zukunft. Aber ein Perspektivwechsel bringt neue Erkenntnisse – fast immer.

Dr. Anke Boenisch und Stefan Ruhnke