Pferdefutter Hafer: bewährt, tiergerecht und hochverdaulich

Hafer steht als ein sehr gut verträgliches Pferde-Kraftfutter in langer Tradition. Doch so mancher Reiter fürchtet, dass der Hafer sein Pferd „übermotiviert“. Aber was steckt wirklich im Hafer und was passiert bei Haferfütterung im Pferd? Antworten geben Praktiker Otfried Lengwenat aus Sehnde und die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Zeyner, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

O. Lengwenat; Bild Lengwenat
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Der Praktiker

In der pferdegerechten Fütterung werden die zeitweise in Vergessenheit geratenen drei H – Heu/Hafer/Häcksel – heute wieder aktuell. Heu ist die Basis der Fütterung, ausreichende Menge und gute Qualität sind Voraussetzung. Wenigstens der Erhaltungsbedarf an Energie sollte über Heu bzw. andere Grobfuttermittel gedeckt werden. Als Faustzahl gilt: mind. 1,5 kg Trockenmasse, besser 2,0 kg/100 kg Lebendmasse je nach Energiegehalt. Der Häcksel eignet sich sehr gut, um die Fresszeit zu verlängern. Er besteht häufig aus Stroh, Heu oder Luzerne mit einer Schnittlänge von 5 cm.


Warum wurde der Hafer in der Fütterung durch andere Getreidearten verdrängt?

  1. Hafer ist ackerbaulich eine Gesundungsfrucht, da er wichtige Schaderreger wie Halmbruch und Schwarz­beinig­keit in der Fruchtfolge reduziert. Er ist in der Fruchtfolge wie eine Blattfrucht zu sehen. Moderne Pflanzenschutz­mittel machten Hafer als Gesundungsfrucht überflüssig, Anbauflächen gingen zurück, der Preis stieg.
  2. Reiten wurde zum Breitensport, es fehlt oft der langjährige Umgang mit dem Pferd. Die Pferde müssen pro Tag oft wenig „arbeiten“, zusätzlich lässt die reiterliche Grundausbildung teilweise zu wünschen übrig. Hafer macht diese Tiere übermütig (er „sticht“) und unerfahrene Reiter sind dann schnell überfordert.

Die Mär von der Spelzenfarbe

Die meisten Pferdehalter unterscheiden zwischen Gelb-, Weiß- und Schwarzhafer, weil sie unterstellen, dass ein Zusammenhang zwischen Spelzenfarbe und Gehalt an Inhaltsstoffen besteht (Tab. 1). Dies trifft so aber nicht zu. Es gibt jedoch deutliche Schwankungen zwischen einzelnen Hafersorten – unabhängig von der Spelzenfarbe. So unterscheiden sich viele Hafersorten deutlich in den spezifischen Inhaltsstoffen, wie z. B. Fett, Rohfaser (s. Tab. 2) und bei β-Glukanen mit besonderen diätetischen Eigenschaften.

Will ein Pferdehalter reine Sorten füttern, um diese Qualitätsunterschiede zu nutzen, wird es schwierig, denn im Handel werden fast nur Mischungen angeboten. Es gibt aber in Deutschland durchaus Haferanbauer, die Qualitätshafer (z. B. die Schwarzhafersorte ZORRO) für Pferdehalter sortenrein erzeugen.

Für den „Normalverbraucher“ ist es immens wichtig, den Hafer mittels Sinnenprobe auf seine hygienische Qualität zu überprüfen. Bei nicht ausreichend trockenen Körnern kann leicht ein „mikrobieller Rasen“ zwischen den Spelz­falten entstehen. Der Hafer riecht dann muffig und sollte nicht verfüttert werden.


sortenabhängiger Gehalt an Inhaltsstoffen
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sortenabhängiger Gehalt an Inhaltsstoffen

Spelzhafer/Nackthafer - Inhaltsstoffe
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Spelzhafer/Nackthafer - Inhaltsstoffe


Bei der Fütterung auf den Stärkegehalt achten

Haferstärke hat im Vergleich zu anderen Getreidearten eine sehr hohe Dünndarmverdaulichkeit (s. Folgebeitrag) und das Getreide Hafer hat insgesamt einen höheren Fettgehalt.

Der Stärkegehalt im Hafer ist mit etwa 45 % im Vergleich zu anderen Getreidearten sehr niedrig (Gerste 55 %, Mais 70 %) und damit ist er weniger problematisch in der Fütterung. Empfohlen wird, 1 g Stärke pro kg Lebendmasse und Mahlzeit nicht zu überschreiten. Bei einem 600 kg schweren Pferd wären dies also 0,6 kg Stärke, das entspricht 1,5 kg Hafer. Wird deutlich mehr gefüttert, fließt zu viel im Dünndarm nicht verdaute Stärke in den Dickdarm und verursacht dort eine überschießende Reaktion der Mikroorganismen mit deutlicher pH-Wert-Senkung.

Beispiel für eine Tagesrationsgestaltung für ein 600-kg-Pferd mit leichter Arbeit:

10,5 – 14 kg Wiesenheu bei 860 g TM (je nach Energie­gehalt) + 0,5 – 1 kg Hafer.

Die Ration muss im Mineralstoffgehalt vor allem im Spurenelementbereich und bei Vitaminen ausgeglichen werden. Die Menge richtet sich nach den Gehalten im Mineralfutter. Bei mittlerer Arbeit kann bei gleicher Heumenge der Hafer auf 1,5 bis ca. 2 kg angehoben werden, die Menge an Mineralfutter kann meistens so wie bei leichter Arbeit bleiben.


A. Zeyner; Bild Zeyner
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Die Wissenschaftlerin

Die bekannte, sehr gute Verträglichkeit von Hafer für Pferde ist nicht unwesentlich der vorzüglichen Dünndarmverdaulichkeit der Stärke geschuldet. Haferstärke wird selbst bei hohen Einsatzmengen immer noch zu mehr als 80 % bis zum Ende des Dünndarms verdaut (Tab. 3). Im Vergleich zu heilen oder zerkleinerten Körnern anderer Getreidearten ist dies bemerkenswert hoch, vor allem wenn man bedenkt, dass Pferde eine nur sehr geringe Aktivität des stärkespaltenden Enzyms Amylase im Dünndarm aufweisen.


Hohe Dünndarmverdaulichkeit vorteilhaft

Der Grund für die hohe Verdaulichkeit bis zum Ende des Dünndarms ist die besonders gute Angreifbarkeit der Haferstärke für Verdauungsenzyme. Die Stärke liegt im Mehlkörper des Getreidekorns in Form von Granula vor. Anders als bei Gerste und vor allem Mais sind diese Granula bei Hafer sehr locker geschichtet und kaum in Verbundstrukturen eingebettet (Abb. 1).

Bei der Fütterung von Hafer ist daher das Risiko geringer, dass Stärke in größeren Mengen in den Dickdarm gelangt und die dort beheimateten Mikroorganismen negativ beeinflusst. Experimentell führte bereits 1 g Maisstärke pro kg Lebendmasse zu einer Beeinträchtigung zellulosespaltender Bakterien im hinteren Verdauungstrakt, bei Hafer war für eine nur annähernd vergleichbare Wirkung die doppelte Stärkemenge erforderlich (Harlow u. a. 2016).



Dünndarmverdaulichkeit der Stärke
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Dünndarmverdaulichkeit der Stärke



Der Stärkeabbau beginnt schon im Magen

Ein beachtlicher Teil der Stärke kann bereits im Magen durch Mikroorganismen abgebaut werden (Varloud u. a. 2004, Bachmann u. a. 2018, Glatter u. a. 2019). Besonders der vordere Teil des Magens ist ähnlich wie der Pansen von Wiederkäuern mikrobiell besiedelt. Hier werden Abbauprozesse eingeleitet, wobei Pferde entwicklungsgeschichtlich an faserreiche Nahrung adaptiert sind. Die mi­krobielle Fermentation von Stärke im Magen hat dagegen wesentliche Nachteile:

  1. Bei einem Zuviel an Zucker und Stärke produzieren die Mikroorganismen ein Übermaß an organischen Säuren, welche die Magenschleimhaut schädigen können (Cehak et al. 2019). Dabei steigt das Risiko, aufgrund von Magenulzera zu erkranken, bei der Fütterung von mehr als 1 g Stärke pro kg Lebendmasse und Mahlzeit deutlich an (Luthersson u. a. 2019). Es wird dringend empfohlen, diese Grenze nicht zu überschreiten, unabhängig von der Getreideart und -sorte sowie der Verarbeitung (GfE 2014).
  2. Die mikrobiell im Magen zu organischen Säuren fermentierte Stärke steht dem Pferd nicht mehr im Dünndarm zur Spaltung in Glukose und deren Absorption zur Verfügung. Die Bereitstellung von Glukose für den Stoffwechsel des Pferdes ist aber der wichtigste Grund für die Fütterung von Getreide.

Aus der Verdaulichkeit der Stärke bis zum Ende des Dünndarms (Tab. 3) kann nicht abgeleitet werden, welcher Anteil der gefütterten Stärke tatsächlich in den Dünndarm gelangt und dort zu Glukose gespalten und welcher bereits im Magen zu organischen Säuren abgebaut wird. Nun ist es scheinbar naheliegend, dass die besonders leicht angreifbare Haferstärke (Abb. 1) auch besonders schnell und umfangreich im Magen fermentiert wird. Damit wäre Hafer ein besonders ungünstiges Pferdefutter, was praktischen Erfahrungen eindeutig widerspricht. Einen Hinweis darauf, wie viel Glukose aus dem Stärkeabbau im Dünndarm tatsächlich im Stoffwechsel des Pferdes ankommt, liefern Messungen zum Anstieg der Glukosekonzentration im Blutplasma nach einer Getreidemahlzeit.


Haferstärke liefert besonders viel Glukose

Der Vergleich verschiedener Sorten der Getreidearten Hafer, Gerste und Mais über die Reaktion der Plasmaglukose auf eine Getreidemahlzeit wurde im Rahmen des BLE-Projektes GrainUp vorgenommen (Zeyner 2018). Bei stärkegleicher Fütterung verursachte Hafer im Vergleich den höchsten Anstieg der Plasmaglukosekonzentration. Dies beweist, dass Haferstärke – trotz der vorzüglichen Angreifbarkeit der Granula – der mikrobiellen Fermentation im Magen zu einem hohen Prozentsatz entgeht. Die Ursachen sind bislang nicht bekannt. An den Spelzen kann es nicht (allein) liegen, denn das geschilderte Phänomen trifft auch auf Nackthafer zu. Möglicherweise spielen der hohe Fettgehalt des Haferkornes (ähnlich wie bei Mais), chemische Eigenschaften der äußeren Hülle der Granula oder die Fließgeschwindigkeit der Granula durch den Magen eine Rolle – dies bleibt zu erforschen. Sicher ist: Es gibt deutliche Unterschiede sowohl zwischen Getreidearten als auch innerhalb der Getreideart Hafer zwischen einzelnen Sorten bei insgesamt sehr hohem Niveau der Plasmaglukose nach der Fütterung. Hafer ist demnach nicht gleich Hafer.


Stärkegranulae im Vergleich; zum Vergrößern bitte Anklicken
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Stärkegranulae im Vergleich; zum Vergrößern bitte Anklicken


Keine Mär: Der Hafer „sticht“!

Warum Pferde durch Hafer „kernig“ werden, davon konnte das BLE-Projekt eine Idee vermitteln. Grundsätzlich folgt auf den Glukoseanstieg im Blutplasma nach einer Getreidemahlzeit ein Anstieg von Plasmainsulin. Die Höhe des Insulinanstiegs als Reaktion auf eine gleich hohe Steigerung der Plasmaglukosekonzentration (Insulin-Response-Index) ist bei Hafer wesentlich ausgeprägter als nach der Fütterung von Gerste oder Mais (Zeyner u. a. 2017; Zeyner 2018). Hohe Insulinkonzentrationen begünstigen den Transport der Aminosäure Tryptophan durch die Blut-Hirn-Schranke, welche wiederum zur Bildung von Serotonin im Gehirn beiträgt.

Bei verschiedenen Spezies, einschließlich der Menschen, gilt Serotonin als beruhigend, weshalb gelegentlich zu diesem Zweck Tryptophan verabreicht wird. Beim Pferd jedoch gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Dosierungen auch die gegenteilige Wirkung entfalten können (Grimmett und Sillence 2005). Damit ist ein besonderer Einfluss der Fütterung von Hafer auf das Verhalten von Pferden denkbar. Für die praktische Fütterung ist von Interesse, dass diese geschilderten Effekte nach der ersten Hafermahlzeit am Tag besonders ausgeprägt sind, die Reaktion auf eine Folgemahlzeit aber deutlich milder ausfällt (Bochnia u. a. 2018).


Literaturverzeichnis:

Bachmann M., Glatter M., Bochnia M., Greef J.M., Breves G., Zeyner A. (2018): Estimating compartmental and total tract apparent digestibility in horses using feed-internal and external markers. Livestock Science 223, 16-23.

Bochnia M., Czetö A., Glatter M., Schürer C., Bachmann M., Gottschalk J., Einpanier A., Köller G., Wensch-Dorendorf M., Zeyner A. (2018): Effect of feeding two separate meals from differently processed oat grains of various genotypes on postprandial plasma glucose, insulin, GLP-1 and amylase in adult healthy horses. Proc. 22nd Congr. Europ. Soc. Vet. Comp. Nutr. (ESVCN). Munich (Germany): 6.-8. September 2018, 90.

Bochnia M., Walther S., Schenkel H., Romanowski K., Zeyner A. (2015): Comparison of scanning electron microscopic examination of oats, barley and maize grains with the analyzed degree of starch breakdown and glycaemic responses in horses. International J. Sci. Res. Sci. Technol. 1:81-84.

Cehak A., Krägeloh T., Zuraw A., Kershaw O., Brehm R., Breves G. (2019): Does prebiotic feeding affect gastric health? A study on effects of prebiotic-induced gastric butyric acid production on mucosal integrity of the equine stomach. Res. of Vet. Sci. 124, 303-309.

DLG (1976): Futterwerttabellen, AS-Gehalte in Futtermitteln. Frankfurt (Main): DLG-Verlag.

DLG (1998): Futterwerttabellen – Pferde. Frankfurt (Main): DLG-Verlag.

GfE (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (Hrsg.). Frankfurt (Main): DLG-Verlag.

Glatter M., Borewicz K., van der Bogert B., Wensch-Dorendorf M., Bochnia M., Greef J.-M., Bachmann M., Smidt H., Breves G., Zeyner A. (2018): Modification of the equine gastrointestinal microbiota by feeding of Jerusalem artichoke meal. Plos One (https://doi.org/10.1371/journal.pone.0220553).

Grimmett A., Sillence M.N. (2005): Calmatives for the excitable horse: A review of L-tryptophan. The Veterinary Journal 170, 24-32.

Harlow B.E., Lawrence L.L., Hayes S.H., Crum A., Flythe D. (2016): Effect of dietary starch source and concentration on equine fecal microbiota. Plos One (https://doi.org/10.1371/journal.pone.0154037).

Luthersson N., Hou Nielsen K., Harris P., Parkin T.D.H. (2009): Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome (EGUS) in 201 horses in Denmark. Equine Veterinary Journal 41, 625-630.

Rodehutscord et.al. (2016) Variation in chemical composition and physical characteristics of cereal grains from different genotypes. Archives of Animal Nutrion. VOL. 70, NO. 2, 87-107

Varloud M., de Fombelle A., Goachet A.G., Drogoul C., Julliand V. (2004): Partial and total apparent digestibility of dietary carbohydrates in horses as affected by the diet. Anim. Sci. 79, 61-72.

Zeyner A. (2018): Schlussberichte zum BLE-Vorhaben GrainUp, Teilprojekt 7 (FKZ 511-06.01-28-1-38.015-10 und 511-06.01-28-1-38.019-10).

Zeyner A., Kienzle E., Coenen M. (2011): Artgerechte Pferdefütterung. In: Pferdezucht, -haltung und -fütterung. Empfehlungen für die Praxis (Hrsg.: Brade W., Distl O., Sieme H., Zeyner A.). Landbauforschung Völkenrode. Sonderheft 353, S. 164-191.

Zeyner A., Romanowski K., Orgis A., Vernunft A., Gottschalk J., Einspanier A., Koeller G. (2017): Feed intake patterns and immediate glycaemic and insulinaemic responses of horses following ingestion of different quantities of starch from oat, barley and maize grains. The Open Nutrition Journal 11, 39-51.