Neue Sortentypen in der Pipeline: „Behalten Sie den Roggen im Blick!“

Neue Sortentypen in der Pipeline: „Behalten Sie den Roggen im Blick!“

Beim Videodreh der „Land & Forst“ am 9. Mai standen aktuelle und auch zukünftige Hybridroggensorten im Rampenlicht. Die 8-Stunden-Arbeit m Zuchtgarten der Hybro Saatzucht führte schließlich zu einem der beliebten „Land & Forst-Expertengespräche“ – zu finden auf YouTube. Catrin Hahn war dabei und fasst die Highlights zusammen.

Moderator Christian Mühlhausen konnte gleich drei Roggenexperten auf den Flächen des in Wulfsode ansässigen Saaten-Union Partners interviewen: Landwirt Philipp Momeyer, Produktmanager der SAATEN-UNION Paul Schmieja und Dr. Bernd Hackauf, Züchtungsforscher vom JKI*.

Gerne kürzere Sorten

Vor der Kamera des PROFI-Technikteams der „Land & Forst“ berichtete Landwirt Philipp Momeyer, warum er Roggen anbaut. Die Kultur war auf seinem Betrieb unter ähnlichen Standortbedingungen früher Teil der Fruchtfolge, verschwand dann aber für eine Zeit. Vor wenigen Jahren besann sich der junge Landwirt wieder auf die Vorzüge des Roggens. Im Gespräch beschrieb er anschaulich, was er an dieser Kultur schätzt, wie er den Futterwert für seine Schweine beurteilt und welche Wünsche er an die Züchter hätte. Zwar sei, erklärte er, Mutterkorn für ihn momentan beherrschbar, er wünsche sich aber weiterhin züchterische Aufmerksamkeit für die Krankheit. Und weiter: „Aus meiner Sicht könnten die Sorten gerne kürzer sein. Das wäre positiv für die Drusc­heigenschaften: der Drusch würde einfacher und schneller.“


Klimawandel erfordert Anbau stabiler Kulturarten

Paul Schmieja
Paul Schmieja

Paul Schmieja, Produktmanager Hybridroggen, bestätigte die Eindrücke von Landwirt Momeyer. Der Roggen sei effizient im Anbau, könne wasser- und betriebsmittelsparend angebaut werden und finde interessante Absatzwege. Diese Vorzüge könnten der Kultur auch auf schwereren Böden einen festen Platz in den Fruchtfolgen sichern. Für besonders wichtig hält es Schmieja, angesichts der klimatischen Veränderungen nach stabilen und zuverlässigen Kulturarten zu suchen. Eine solche sei der Roggen: „Wir haben einen Effizienzversuch […] in dem wir Weizen und Roggen unter verschiedenen Anbau­bedin­gungen, Dünge- und Wasser­regimen vergleichen. Wir stellen fest, dass sowohl auf leichten als auch auf schweren Böden der Roggen bei geringeren Ansprüchen dem Weizen ertraglich oft überlegen ist.“ Diese Erkenntnisse seien auch angesichts der politischen Rahmenbedingungen und der gesellschaft­lichen Diskus­sion um einen sparsameren Betriebsmittel­einsatz sehr nützlich.


Philipp Momeyer:

„Ich wirtschafte auf 20 bis 50 Bodenpunkten, bei mir steht der Roggen auf den schlechteren Böden.

Er gedeiht dort gut und sicher und spart Wasser in der Fruchtfolge.

Der Roggenanteil in der Ration für meine Schweine liegt bei 50 % des Getreides.“

Philip Momeyer
Philip Momeyer

Dr. Bernd Hackauf:

„Wir versuchen kurzstrohige Sorten zu züchten, die keinen Wachstumsregler brauchen.

Hier nimmt die Pflanze dem Landwirt die Königsdisziplin des Pflanzenschutzes ab:

zum richtigen Zeitpunkt die richtige Aufwandmenge zu applizieren, um Zwiewuchs zu vermeiden und die Standfestigkeit zu erhöhen.

Dr. Bernd Hackauf
Dr. Bernd Hackauf

Die Zukunft: weniger Mutter­korn und kurzes Stroh

Letzter Gesprächspartner war Dr. Bernd Hackauf, Züch­tungs­forscher vom JKI. Er arbeitet dort gemeinsam mit Hybro an der Entwicklung kurzstrohiger Hybriden mit hoher Mutterkornabwehr. Vor dem Videodreh erklärte er seine Faszination für dieses Projekt: „Unsere Forschung basiert auf einer Genvariante, die bereits vor 50 Jahren an der ältesten Genbank der Welt im Vavilov-Institut in St. Petersburg entdeckt wurde. Mit diesem Kurzstrohgen wurde bereits vor Jahrzehnten gearbeitet, auch in der ehemaligen DDR, doch diese Ergebnisse verschwanden vorerst. 2014 haben wir angefangen, gemeinsam mit der Hybro dieses Kurzstrohgen markergestützt in Elitezuchtmaterial einzukreuzen.“

Roggen sei, betont Hackauf auch im anschließenden Video­dreh, einfach eine in jeder Hinsicht wertvolle Pflanze: „Vor allem in Deutschland haben wir diese ausgeprägte Brotvielfalt, zu der Roggen maßgeblich beiträgt und die von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Auch in der Fütterung ist Roggen ein wichtiger Bestandteil. Interessant ist, dass der Selbstversorgungsgrad mit Roggen in Deutschland im langjährigen Mittel bei 93 % liegt. Wir können also mit der Inlandsproduktion den Eigenbedarf an Roggen nicht decken. Dies belegt, wie wichtig Forschung und Züchtung an Roggen sind, um dieses traditionelle Getreide auch in unserer modernen Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu halten.“

Aus der 2014 gestarteten Kooperation mit Hybro ist 2019 das transnationale Projekt „RYE-SUS“ unter Mitwirkung von elf Partnern aus sieben Ländern entstanden. Beteiligt sind wissenschaftliche Einrichtungen und Züchterhäuser aus Deutschland, Österreich, Kanada, Polen, Finnland, Nor­we­gen und Estland. In diesem Projekt wurden im Verlauf der letzten drei Jahre die im Vorläuferprojekt entwickelten Saat­elterlinien mit der Halbzwerg-Mutation zur Erstellung und umfassenden Prüfung von Experimental-Halbhybriden mit genetischer Halmverkürzung eingesetzt. Der Hybro, ebenfalls Teil dieser Kooperation, gelang unter wissenschaftlicher Begleitung durch das JKI die Entwicklung vielversprechender Prototypen. „Wir stehen hier im Zucht­garten inmitten von 48 vielversprechenden Kandidaten, die sich deutlich von anderen Hybriden unterscheiden und sich durch ihre Homogenität und Beständigkeit aus­zeichnen. Wenn alles gut geht, wird die Hybro nach Wertprüfung durch das Bundessortenamt in etwa fünf Jahren die ersten standfesten und ertragreichen Halbzwerg-Hybriden mit hoher Mutterkornabwehr anbieten! Das ist eine neue Ära des Roggenanbaues.“

Hackauf betonte, dass die Halbzwerge für die Erzeuger von Brotroggen vor allem wegen des völligen Verzichts auf Wachstumsregler höchst interessant seien. Denn immer mehr Abnehmer im Food-Bereich machen diesen Anbau zur Bedingung. Doch letzten Endes, ergänzte der Roggenfachmann, seien die Halbzwerge nicht dazu gedacht, normalstrohige Sorten zu ersetzen: „Sie können z. B. dort genutzt werden, wo Vorgaben zur Produktion ohne Wachstumsregulatoren gemacht werden. Wir haben festgestellt, dass sie über die gleiche Durchwurzelungstiefe, aber in höheren Bodenschichten über eine höhere Wurzeldichte verfügen, was ihnen eine gute Standfestigkeit sowie eine verbesserte Wasser- und Nährstoffaufnahme verleiht. Anfang Juli 2021 hatten wir Niederschläge von 200 l/m2 in kurzer Zeit. Alle normalstrohigen Experimentalhybriden und -Sorten gingen ins Lager, die Halbzwerge mit ihrer maximalen Wuchshöhe von 1,20 m blieben stehen.“


Christian Mühlhausen (links)
Christian Mühlhausen (links)
Spitzentechnologie der Pflanzenzüchtung

Auch das Thema Mutterkorn streifte Hackauf in seinem Gespräch. „Ab 2024 bekommen wir eine Verschärfung der Grenzwerte, also ist das nach wie vor ein großes Thema. (…) Die Hybridzüchtung bietet uns als Spitzentechnologie der Pflanzenzüchtung Werkzeuge, hier weiterzukommen. Wir haben in Zusammenarbeit mit der Hybro bislang nicht genutzte Genvarianten gefunden, die eine hohe Pollenschüttung bewirken. Damit ist eine stark verbesserte Mutterkornabwehr möglich – bei gleichzeitig hoher Leistung.“

Moderator Christian Mühlhausen fand in seinen Schlussworten deutliche Worte: „Der Roggen ist zurück, vor allem dank moderner Hybridzüchtung. Auf dem Feld ist er ein stabiler Partner, der mit Trockenheit und Extremwetter klarkommt, ressourcenschonend anzubauen ist und Gülle sehr gut verwertet. Eigenschaften, die bislang vor allem auf leichten Standorten Thema waren, wo ihn Landwirte schon länger als kostengünstig und ertragsstabil schätzen. Die Vorteile der Kultur können aber künftig auch auf schweren Standorten ein Thema sein.“ In einigen Jahren seien Sorten zu erwarten, die Verbesserungen bei Standfestigkeit und Mutterkorn mitbringen. „Behalten Sie den Roggen im Blick!“

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Text und Fotos: Catrin Hahn


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Moderator Christian Mühlhausen konnte gleich drei Roggenexperten auf den Flächen des in Wulfsode ansässigen Saaten-Union Partners interviewen: Landwirt Philipp Momeyer, Produktmanager der SAATEN-UNION Paul Schmieja und Dr. Bernd Hackauf, Züchtungsforscher vom JKI*.

Landwirt Philipp Momeyer ist von Hybridroggen überzeugt, auf dem Feld und im Futtertrog seiner Schweine. Er wünscht sich von der Züchtung vor allem kürzere und standfestere Sorten.

Paul Schmieja, Produktmanager Hybridroggen, hält es für besonders wichtig, angesichts der klimatischen Veränderungen nach stabilen und zuverlässigen Kulturarten zu suchen. „Wir stellen in Effizienzversuchen fest, dass sowohl auf leichten als auch auf schweren Böden der Roggen bei geringeren Ansprüchen dem Weizen ertraglich oft überlegen ist.“

Dr. Bernd Hackauf, Züchtungsforscher vom JKI, arbeitet gemeinsam mit de HYBRO an der Entwicklung kurzstrohiger Hybriden mit hoher Mutterkornabwehr. Aus der 2014 gestarteten Kooperation mit der HYBRO ist 2019 das transnationale Projekt „RYE-SUS“ unter Mitwirkung von elf Partnern aus sieben Ländern entstanden. Beteiligt sind wissenschaftliche Einrichtungen und Züchterhäuser aus Deutschland, Österreich, Kanada, Polen, Finnland, Norwegen und Estland. In diesem Projekt wurden im Verlauf der letzten drei Jahre die im Vorläuferprojekt entwickelten Saatelterlinien mit der Halbzwerg-Mutation zur Erstellung und umfassenden Prüfung von Experimental-Halbhybriden mit genetischer Halmverkürzung eingesetzt.

„Wenn alles gut geht, wird die HYBRO nach Wertprüfung durch das Bundessortenamt in etwa fünf Jahren die ersten standfesten und ertragreichen Halbzwerg-Hybriden mit hoher Mutterkornabwehr anbieten! Das ist eine neue Ära des Roggenanbaues. Sie können z. B. dort genutzt werden, wo Vorgaben zur Produktion ohne Wachstumsregulatoren gemacht werden. Wir haben festgestellt, dass sie über die gleiche Durchwurzelungstiefe, aber in höheren Bodenschichten über eine höhere Wurzeldichte verfügen, was ihnen eine gute Standfestigkeit sowie eine verbesserte Wasser- und Nährstoffaufnahme verleiht. Anfang Juli 2021 hatten wir Niederschläge von 200 l/m2 in kurzer Zeit. Alle normalstrohigen Experimentalhybriden und -Sorten gingen ins Lager, die Halbzwerge mit ihrer maximalen Wuchshöhe von 1,20 m blieben stehen.“