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Seit 10 Jahren Qualitäts-Milch ohne Soja

Manche Betriebe sind trotz ungünstiger Voraussetzungen sehr erfolgreich: Weil sie oft – aus der Not heraus – pfiffige Ideen haben oder/und weil sie sich mit Partnern Vermarktungswege erschließen. Eine Erfolgsstory aus dem Schiefergebirge in Thüringen.

V.l.n.r.: Henry Anemüller, Burga Hockarth, Rita Weimann
V.l.n.r.: Henry Anemüller, Burga Hockarth, Rita Weimann
Der Name Agrar GmbH „Steinerne Heide“ hat durchaus seine Berechtigung: 25 Bodenpunkte und weniger, zudem sind die auf über 600 Meter über NN liegenden Böden teilweise extrem steinig. Hinzu kommt eine zunehmende Trockenheit im Frühjahr, wie Betriebsleiter Henry Anemüller und der Verantwortliche für Ackerbau, Wolfgang Walther, beobachtet haben – schwierige Bedingungen also für eine Maisproduktion. „Wir liegen schon mindestens drei Jahre eher bei 600mm als bei den sonst normalen 700 mm/Jahr, hinzu kommt der Wildschaden hier kurz vor dem Thüringer Wald. Bei zum Teil unter 350dt/ha Frischmasse hat Mais somit keine Berechtigung mehr.“

Auch die HERZGUT Landmolkerei agiert in einem nicht ganz einfachen Umfeld: Nach dem Fall der innerdeutschen Grenze wurde durch das Engagement von Landwirten der Region Saalfeld-Rudolstadt aus dem DDR-Molkereikombinat die Molkereigenossenschaft Schwarza eG. Heute firmiert die Gesellschaft unter HERZGUT Landmolkerei eG mit nach wie vor genossenschaftlichem Prinzip. Das im Vergleich eher kleine Unternehmen muss sich einem zunehmend schärferen Wettbewerb stellen – da war es schon früh klar, dass ein Überleben nur mit einem Alleinstellungsmerkmal funktionieren kann.


Die Anlage könnte durchaus noch mehr Raps verarbeiten. Auch die Ackerbohnen werden hier aufbereitet.
Die Anlage könnte durchaus noch mehr Raps verarbeiten. Auch die Ackerbohnen werden hier aufbereitet.
Die Idee: ein spezielles Fettsäuremuster

In puncto Regionalität liegt man hier voll im Trend: Die HERZGUT Landmolkerei verarbeitet ausschließlich Milch von Höfen aus einem Radius von 50 Kilometern. Das Alleinstellungsmerkmal ist eine Premiummilch – Grundlage aller Premiumprodukte des Hauses. Hierfür erhalten die Kühe ein Futter, das viel speziell verarbeiteten Raps enthält und damit reich an ungesättigten Fettsäuren ist. Die Milch bekommt so ein einzigartiges Fettsäuremuster, das z. B. die Butter ohne Zugabe von Öl o. ä. besonders streichfähig macht.

„Das Fettsäuremuster der Premiummilch wird zweimal wöchentlich im molkereieigenen Labor analysiert“, sagt Rita Weimann. „Schwankungen in einem gewissen Rahmen sind natürlich, denn Kühe sind schließlich keine Maschinen. Aber wir haben Grenzwerte festgelegt, die dafür sorgen, dass nur Milch, die diesen Vorgaben entspricht, zu den Premiumprodukten verarbeitet wird“, ergänzt sie. Mit dieser Grundidee startete 1995 das mittlerweile sehr erfolgreiche Projekt. Das Fütterungskonzept ist in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena entstanden und wurde patentiert.


Die Lösung: geröstete Rapssamen

Bis zum Erfolg war es ein weiter Weg mit vielen Rückschlägen. Das Fütterungskonzept musste einerseits ohne Einschränkung des Tierwohlbefindens, der Tiergesundheit und -leistung und andererseits bei ausreichender Ökonomie für alle Beteiligten gelingen. Um auf keinen Fall die Tiergesundheit zu gefährden, wurde von Beginn an ein Fachmann aus der Tiermedizin hinzugezogen: Dr. Georg Eller aus Hofheim in Unterfranken betreute die drei Betriebe mit ca. 1.000 Kühen von Anfang an und erarbeitete mit ihnen zusammen betriebsindividuelle Futterrationen.

„Zunächst dachten wir, über einen relativ hohen Anteil Rapskuchen arbeiten zu können, aber die Fette belasteten den Stoffwechsel der Tiere zu stark. Dann kamen wir auf Leinsaat, die ebenfalls eine sehr gute Fettsäurezusammensetzung aufweist. Eine Firma in England verarbeitete Leinsamen zur Pferdefütterung und erzielte damit gute Erfolge. Die Samen wurden dort in einer speziellen Anlage erhitzt und gecrackt“, beschreibt Anemüller die Anfänge. In der Probephase mit dem englischen Produkt zeigte sich, dass die Tiere gesund blieben und die Milch die erwartete Qualität erreichte. Das Prinzip funktionierte – aber Lein war viel zu teuer. Warum dieses Verfahren also nicht mit Rapssamen probieren? Amüsiert berichtet Anemüller über diese Testphase: „Ich bin tatsächlich mit dem Raps nach England gefahren, habe den Raps durch die Anlage geschickt und bin wieder zurückgefahren! “ Aber der Erfolg gab ihm Recht: Auch beim Raps, dessen Körner auf 115 °C erhitzt und anschließend gecrackt wurden, waren die Fettsäuren so stabilisiert, dass sie bis in den Dünndarm und damit bis in die Milch gelangen konnten. Futteraufnahme und Verträglichkeit waren gut. Die durchdachte Gesamtration führte dazu, dass auch die Leistung nicht einknickte und auf hohem Niveau von ca. 10.000 Litern/Herdenschnitt blieb.

Jetzt brauchte man eine eigene Aufbereitungsanlage. „Das war schwierig, solche Anlagen gab es nicht von der Stange. Wir haben uns zunächst eine kleine Anlage aus dem Forschungsbereich organisiert, da war der Verwaltungsaufwand aber zu hoch und die Leistung zu gering“, erinnert sich Wolfgang Walter. „Die in unserer „DDR-Zeit“ gelernten Fähigkeiten im Improvisieren und Organisieren konnten wir jetzt gut gebrauchen. Wir haben die Anlage selbst nachgebaut und dabei vergrößert.“


Auch Ackerbohnen werden in der Anlage geröstet, Bild: Baufeld
Auch Ackerbohnen werden in der Anlage geröstet, Bild: Baufeld
Heimisches Eiweiß: Ackerbohnen und Wickroggen

Seit 2007 wird sojafrei gefüttert, neben den erwähnten Rapskörnern bestimmen Extraktionsschrot, Wickroggen, Weizen, Sommergerste und Ackerbohnen die Ration, die zu 70% aus Grundfutter besteht. Die Feinjustierung erfolgt im Team von Tierarzt, Herdenmanagerin, der Betriebsleitung und der Molkerei.

Auf 65 ha stehen die Ackerbohnen (Sorte FUEGO) und tragen so auch zur Erfüllung der Greeningvorgaben bei. Diese Kulturart liefert i.d.R. selbst unter diesen extrem schwierigen Bedingungen der steinigen Böden plus der Höhenlage gute und bei ausreichend vorhandenen Niederschlägen stabile Erträge mit bis zu 60 dt/ha. Allerdings macht die zunehmende Frühsommertrockenheit selbst der robusten Sorte FUEGO zu schaffen: Fehlt in schlechten Jahren zum Zeitpunkt der Ertragsanlage das Wasser, sind schlimmstenfalls nur noch 30 dt/ha realisierbar. Die Sortenwahl sollte daher auf höchstmögliche Ertragsstabilität, Standfestigkeit und Gesundheit ausgerichtet sein.

Seit drei Jahren ergänzt der Wickroggen die Ration und liefert Energie und Eiweiß. „Wir sind auf den DLG-Feldtagen auf die Mischung viterra® Wickroggen gestoßen und haben zunächst nur auf wenigen Hektar einen Probeanbau durchgeführt. Die Mischung hat jedoch ihren festen Platz in der Fruchtfolge gefunden mit mittlerweile 75 ha. Wir bekommen hier hochverdauliches, energiereiches und rohaschefreies Grundfutter mit durchschnittlich 450 dt/ha Frischmasse und 6,2 NEL. viterra® Wickroggen wird gerne gefressen und eignet sich auch gut für die Biogasanlage.”


Bild: Herzgut
Bild: Herzgut
Dem Trend voraus sein

Die Gentechnikfreiheit der speziellen Fütterung sei garantiert und werde bei der Vermarktung immer wichtiger, ist sich Rita Weimann sicher: „Der Druck vom Lebensmitteleinzelhandel – als Sprachrohr der Verbraucher/innen – wird auch hinsichtlich der Tierhaltung und Fütterung immer größer.“ Sie sei froh über die tolle Zusammenarbeit mit „ihren“ Milchbetrieben, und mit diesem Produktprogramm stünden die Chancen gut, auf dem hart umkämpften Markt zu bestehen.

„Es läuft so gut, dass wir gerne mehr Premiummilch verarbeiten würden. Dazu könnten wir noch weitere Betriebe gebrauchen. Die Produktionsschiene steht, die Aufbereitung des Rapses ist kein Problem mehr und einen Zuschlag für die Umsetzung des Fütterungskonzeptes gibt es auch. Die Höhe des Zuschlages wird entsprechend des nachgewiesenen Fettsäurespektrums der angelieferten Rohmilch bestimmt und kann bis zu 5 Cent pro kg Rohmilch betragen.“ Bei Interesse bitte melden!*

Roy Baufeld und Dr. Anke Boenisch



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